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Politiker und ihre Urlaubsziele : Mexiko, Griechenland und Alpengipfel

  • Aktualisiert am

Auf nach Tirol: Jörg-Uwe Hahn. Bild: dpa

Ferienzeit in Wiesbaden: Die Landespolitik ruht, und Hessens Politiker fahren in den Urlaub. Manche suchen Erholung in der Ferne, die meisten aber in Deutschland.

          Am vergangenen Donnerstag drang Ministerpräsident Volker Bouffier noch 800 Meter unter die Erde vor, in Osthessen, wo er sich über die Kali-Förderung informierte. Warm war es auch dort, aber die Temperaturen im Verbundwerk Werra der K+S GmbH sind nichts gegen das, was den Regierungschef im Urlaub erwartet. Der CDU-Politiker - in den vergangenen Jahren Stammgast auf Ibiza - gönnt sich in diesem Jahr nämlich eine Fernreise nach Mittelamerika. Mit seiner Familie verbringt er einen Hotelurlaub in Mexiko, sieht keinen einzigen Landespolitiker und versucht, auf diese Weise Abstand von der Hektik des Alltags zu gewinnen.

          Urlaubszeit in Wiesbaden, das heißt: keine Parlamentssitzungen, keine Untersuchungsausschüsse und eine drastisch reduzierte Zahl von Pressekonferenzen. Die Landespolitik ruht weitgehend, und selbst das Landtagsrestaurant bleibt mangels Nachfrage für mehrere Wochen geschlossen. Minister, Staatssekretäre und Abgeordnete sammeln unterdessen Kraft für die nach den Ferien unweigerlich wieder aufflammenden politischen Auseinandersetzungen.

          Lesen auf Amrum

          Außer Bouffier sucht auch Umweltministerin Lucia Puttrich (CDU) zur Erholung das Weite. Sie bricht mit ihrem Mann zu einer sicherlich mehr spannenden als entspannenden Rundreise durch Brasilien auf. Andere Regierungsmitglieder zieht es dagegen an die deutschen Meeresstrände: Innenminister Boris Rhein (CDU) weilt mit seiner Familie an der Nordsee, und auch der neue Wirtschafts- und Verkehrsminister Florian Rentsch fragt sich: warum in die Ferne schweifen? Er sucht mit seiner Frau und seiner Tochter Ruhe und Inspiration auf einer ostfriesischen Insel. Campingplätze kommen für den Rechtsanwalt dabei nicht mehr infrage: „In meiner Jugend habe ich etliche Jahre Campingurlaub machen müssen, so dass mein Bedarf gedeckt ist“, sagt der Siebenunddreißigjährige.

          CDU-Fraktionschef Christean Wagner verbringt seinen Urlaub nicht weit entfernt. Nicht zum ersten Mal entspannt er in einer Ferienwohnung auf der nordfriesischen Insel Amrum. Statt Landtagsreden und flammende Appelle an Bundeskanzlerin Angela Merkel zu schreiben, will er dort vor allem lesen. Mit im Reisegepäck sind unter anderem „Jerusalem, Die Biographie“, Robert Spaemanns „Über Gott und die Welt“ und der Briefwechsel zwischen Voltaire und Friedrich dem Großen. Sollte Wagner zwischendurch zu einer Wattwanderung aufbrechen, könnte er Oppositionsführer Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) begegnen, der auf der Nachbarinsel Föhr mit seiner Familie ein Ferienhaus in Strandnähe gemietet hat.

          „Da tauche ich in eine andere Welt ein“

          Auch Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann wird ihre freie Zeit im Norden verbringen. Anders als ihre Kollegen jedoch auf dem eigenen Motorboot mit ihrer Familie. Von Hamburg aus möchte die CDU-Politikerin über die Elbe zur Nord- und Ostsee schippern. Axel Wintermeyer (CDU), Chef der Staatskanzlei in Wiesbaden, zieht es ans Mittelmeer, wo er die Lebensart unserer Nachbarn studieren und sich durch die französische Küche inspirieren lassen will.

          Berge statt Meer heißt die Devise des stellvertretenden Ministerpräsidenten, Justizministers und FDP-Landesvorsitzenden Jörg-Uwe Hahn. Ihn zieht es auf die Gipfel in Tirol. „Da tauche ich in eine andere Welt ein. Einen Berg zu besteigen und auf dem Gipfel zu stehen, das ist schön. Dann genieße ich die Weite des Blicks und einen kühlen Riesling“, sagt Hahn. Auf Nachrichten aus der Heimat will er aber nicht verzichten: „Ich brauche ein richtiges Bett und eine Zeitung zum Frühstück, damit ich weiß, was daheim los ist.“ Jenseits der Grenze, in Südtirol, wird man Sozialminister Stefan Grüttner mit seiner Familie finden. Der CDU-Politiker will dort viel lesen, sich entspannen und die Landschaft genießen.

          Keine Postkarten

          Grünen-Fraktionschef Tarek Al-Wazir hält Griechenland auch im Niedergang die Treue und nimmt seine Auszeit von der Politik an der Ägäis. „Ich bin natürlich auch gespannt darauf, mir ein Bild vom griechischen Alltag auf dem Höhepunkt der Krise zu machen“, sagt Al-Wazir. „Aber sonst wird die Politik in diesen Wochen die zweite Geige spielen.“ Willi van Ooyen zieht es ebenfalls in den Süden - in seine „zweite Heimat im Medoc“ an der französischen Atlantikküste, wo der Linken-Fraktionsvorsitzende schon seit zwanzig Jahren ein Haus hat.

          Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) ist derweil noch unentschlossen, ob er seinen ganzen Sommerurlaub in seiner mittelhessischen Heimat verbringen oder spontan auf Reisen gehen soll. Definitiv zuhause bleibt die neue Kultusministerin Nicola Beer (FDP). Sie habe schließlich das Amt erst vor vier Wochen übernommen und noch zu arbeiten, sagt sie. „Mit meinen beiden Söhnen werde ich aber Ausflüge machen, schwimmen gehen und natürlich Eis essen, ausgiebig grillen und spielen.“ Die Zweiundvierzigjährige lebt in einer Patchworkfamilie, ihr Lebensgefährte hat vier Kinder.

          Handgeschriebene Postkarten aus dem Urlaub wie in früheren Zeiten werden nur wenige hessische Politiker verschicken. Justizminister Hahn und Wissenschaftsministerin Kühne-Hörmann verzichten beispielsweise ganz darauf. Auch Ministerpräsident Bouffier und SPD-Fraktionschef Schäfer-Gümbel schreiben nur noch selten Karten. Grünen-Fraktionschef Al-Wazir verschickt dagegen regelmäßig Ansichtskarten - vor allem deshalb, weil er selbst gern welche bekommt. „Das ist doch etwas anderes als eine SMS auf dem Blackberry“, findet er. Und auch der liberale Wirtschaftsminister Rentsch pflegt die Tradition, jedoch stets in letzter Minute: „Im Urlaub kaufe ich anfangs einen Stapel Postkarten für die Familie, die ich ritualisiert immer vor der Abreise hektisch schreibe.“

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