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Politiker im Internet : Online kommunizieren, offline agieren

  • -Aktualisiert am

Die Zahl der Klicks und Follower können den Wahlerfolg nicht voraussagen. Bild: Rüchel, Dieter

Viele Politiker führen Wahlkampf nicht mehr nur auf Plätzen und in Sälen, sondern auch im Internet. Wissenschaftler zweifeln am Erfolg.

          5 Min.

          Ob Leiharbeit, Fußball oder Energiewende: Twittern geht immer. Das findet zumindest der hessische Grünen-Politiker Daniel Mack, der seine fast 10.000 Follower im Internetdienst Twitter mehrmals täglich mit neuesten Informationen aus seinem (Politiker-)Leben versorgt. Obwohl sein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis ihn 2011 den Platz als Kreistagsabgeordneter im Main-Kinzig-Kreis kostete, weil er nach Ansicht seiner Parteifreunde zu viel und nicht immer konform kommunizierte. Der „Twitter-Rebell“, wie Mack seitdem genannt wird, hat seine Aktivitäten in dem Kurznachrichtendienst nicht eingestellt. Auch in seiner neuen Funktion als Sprecher für Netzpolitik bei den Grünen und Mitglied des Hessischen Landtags zwitschert Mack munter weiter. „Ich glaube, dass Politik nicht mehr nach dem Einbahnstraßenprinzip funktioniert“, sagt der Sechsundzwanzigjährige.

          Mack hätte das Zeug zur Galionsfigur einer zunehmenden Anzahl von Politikern, die Wahlkampf nicht mehr nur vor der Haustür und über klassische Medien, sondern auch virtuell führen wollen. Seit der Landtagswahl vor vier Jahren engagieren sich alle fünf im Hessischen Landtag vertretenen Parteien in Online-Netzwerken. Die hessische CDU ist seit Ende 2009 bei Facebook, die SPD zog einige Monate später nach. Etwa 6000 Nutzern gefällt die Facebook-Seite von Ministerpräsident Volker Bouffier, die, ebenso wie die Homepage der hessischen Christdemokraten, von einer vierköpfigen Online-Redaktion geführt wird. Thorsten Schäfer-Gümbel und die SPD halten sich hingegen bei Facebook eher zurück, sind dafür auf Twitter aber umso aktiver: Etwa 14.500 Follower hat der sozialdemokratische Spitzenkandidat, der zumindest in dieser Kategorie schon Spitze unter den hessischen Volksvertretern ist.

          „Grob überschätzt“

          „Twitter ist ein hervorragendes Instrument für einen Politiker“, findet Daniel Mack. Im Netz unterhalte man sich nicht nur mit „Direktoren und Journalisten“, sondern spreche eine „breite Masse“ an. Etwa 300 bis 400 Nachrichten sendet er nach eigenen Angaben pro Monat an seine Gefolgschaft. „Das kostet natürlich schon Zeit.“ Eine Politik ohne das Netz könne er sich jedoch nicht mehr vorstellen: „Das Internet ist für mich ein Teil der politischen Kommunikation.“ So dicht wie über das Internet seien die Bürger noch nie an ihren Politikern gewesen, sagt Mack.

          Hans Mathias Kepplinger, emeritierter Professor für Publizistik an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, dämpft solchen Enthusiasmus. Er hat sich in einer Studie mit dem virtuellen Wahlkampf der Parteien auseinandergesetzt. „Die Politiker halten das Internet für sehr wichtig“, sagt er. „Die Bedeutung der Kommunikation dort wird aber grob überschätzt.“ Viele der politischen Entscheidungsträger hätten ihr Online-Angebot nach dem amerikanischen Wahlkampf 2008 ausgebaut, den Barack Obama für manche Beobachter vor allem im Netz gewonnen habe. Dabei habe Obama die Wähler nur erreicht, weil die wichtigen Fernsehsender ihn quantitativ und qualitativ „massiv“ unterstützt hätten, sagt Kepplinger.

          Peinlicher Tippfehler

          „Nur dann, wenn traditionelle Medien wie Zeitungen oder das Fernsehen Diskussionen aus dem Internet aufgreifen, bekommen sie Reichweite“, meint er. So seien die Plagiatsfälle Schavan oder Guttenberg im Internet lange bedeutungslos diskutiert und erst nach der Thematisierung durch die traditionellen Medien zum Skandal geworden. Die großen Parteien wüssten, dass die virtuelle Kommunikation kaum Einfluss auf die Wähler habe, sagt der Wissenschaftler. „Aber sie müssen es machen, da es gut für das Image ist“, so Kepplinger, der vor den Risiken eines Internetauftritts warnt. „Ich würde jedem raten, das vorsichtig einzusetzen“, sagt der Mainzer.

          Sozialdemokrat Schäfer-Gümbel erlebte die Kehrseite der Online-Kommunikation zuletzt Ende Januar. Ein peinlicher Tippfehler brachte ihm einigen Spott ein. Auf Twitter schrieb er den Deutsche- Bank-Chef Anshu Jain „Chain“, was ihn für viele Nutzer des Internetdienstes nicht gerade als Kenner des Finanzmarktes kennzeichnete. „Die Hemmschwelle in Medien wie Twitter ist viel niedriger“, sagt Gert-Uwe Mende, der Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Landtag. Deshalb müsse man auch mit unliebsamen oder unpassenden Kommentaren der Fans rechnen. Dennoch verteidigt er den Einsatz der neuen Medien. „Über das Internet sprechen wir eine Zielgruppe an, die sonst kaum erreichbar ist.“ Er sieht virtuelle Kommunikation nicht als Alternative, sondern als Ergänzung zum Wahlkampf an.

          Auch private Dinge twittern

          Politiker wie Schäfer-Gümbel benutzen Twitter keineswegs ausschließlich für politische Botschaften. „Moin. Alle fit?“, twittert der SPD-Mann im April. „Klar doch :-)“, kommentiert ein Nutzer. „Wie ist eigentlich der #Kaffee im Landtag?“, fragt ein anderer. „Mein Sohn würde sagen: so mittel. :)“, schreibt Schäfer-Gümbel zurück. Verspätete Flieger, das Wetter und vor allem Kaffee. Das sind die Themen mit denen sich die Follower von „TSG“ zu großen Teilen beschäftigen müssen. Dennoch finden sich unter seinen Nachrichten auch politische Aussagen und relevante Informationen. Wirkliche Diskurse kommen bei der Begrenzung von 140 Zeichen pro Nachricht auf Twitter aber kaum auf.

          „Bis zu einem gewissen Grad sollte man schon private Dinge twittern“, meint Mack. Dennoch gelte weiterhin, dass Twitter ein Informationsmedium sei. Das komische Potential von Schäfer-Gümbels Gezwitscher machte auch die Macher des Satiremagazins „Titanic“ aufmerksam. Auf einer Kopie des Politiker-Profils verbreiteten sie seit 2010 allerhand Unsinn in seinem Namen - für etwa 5000 Follower. In der SPD sieht man darin aber kein ernstzunehmendes Problem. „Allen ist klar, wem der echte Account gehört und wem nicht“, sagt Mende. So etwas müsse man im Internet eben ein Stück weit hinnehmen.

          Eigene Homepage ist Selbstverständlichkeit

          Auch Ministerpräsident Volker Bouffier kennt die Sticheleien der Netzgemeinschaft. Als er im April sein Profilbild aktualisierte, kommentierte ein Nutzer dieses mit den Worten: „Sexy wie eh und je!“ Ein anderer fragte: „Kollege Bouffier, wo lassen Sie Ihre Haare schneidern?“ Im Gegensatz zu seinem Herausforderer Schäfer-Gümbel beschränkt sich Bouffier in seinen Facebook-Mitteilungen fast ausschließlich auf politische Inhalte. Ein Besuch auf dem Wochenmarkt, die Eröffnung des Regionalflughafens Kassel-Calden und ein Treffen mit der Feuerwehr in Neu-Isenburg: Bouffier zeigt sich volksnah, gibt aber wenig Persönliches preis. Ein Foto mit Frau und Hund als Ostergruß stellt da schon die Ausnahme dar. Bayern-Fan Schäfer-Gümbel dagegen debattiert mit seinem Anhang Fußballergebnisse oder tauscht sich über den neuen Papst aus.

          Facebook und Twitter sind nicht die einzigen digitalen Angebote, die hessische Parteien zur Wahlkampfführung nutzen. Eine eigene Homepage ist schon zur Selbstverständlichkeit geworden - alle großen Parteien betreiben außerdem einen Kanal im Videoportal Youtube. Die Klick-Zahlen zu den hochgeladenen Filmen bewegen sich jedoch nur selten im dreistelligen Bereich. Was der Landtagsabgeordnete Jürgen Lenders (FDP) beispielsweise Ende März im Landtag zum Mittelstandsgesetz sagte, haben sich bisher lediglich fünf Leute auf dem Youtube-Kanal „FDP-Fraktion Hessen“ angesehen. Drei Jahre nachdem der Kanal angelegt wurde, zog er inzwischen überschaubare dreizehn Abonnenten an.

          „Das wird weiter zunehmen“

          „Social Media wird nicht unser einziges und stärkstes Instrument sein“, hebt eine Sprecherin der hessischen CDU hervor. Für den richtigen Umgang mit den digitalen Medien biete die Partei Workshops für Mitarbeiter und Mandatsträger an. Zusätzlich gebe es „Social Media-Leitlinien“, die intern verteilt würden. Einen Wahlkampf wie die Piraten fast ausschließlich online zu führen, komme für die Christdemokraten (noch) nicht in Frage. „Wir sind schließlich eine Volkspartei!“, sagt die Sprecherin. Vor allem mit jungen Leuten wolle man online kommunizieren und offline dann die Resultate umsetzen.

          „Viele große Schritte nach vorne“ habe seine Partei in den vergangenen Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit gemacht, meint Ingmar Jung von der Jungen Union (JU). Vor allem die Internetseite „Mitdenkforum“, bei der Bürger online Vorschläge zum CDU-Wahlprogramm machen konnten, sei sehr positiv aufgenommen worden. Die JU würde vieles inzwischen nur noch digital veröffentlichen. „Das wird weiter zunehmen“, sagt Jung. „Wenn einer von uns in zehn Jahren ein erfolgreicher Politiker sein will, kommt er ohne virtuelle Kommunikation gar nicht mehr aus.“

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