https://www.faz.net/-gzg-78db0

Politiker im Internet : Online kommunizieren, offline agieren

  • -Aktualisiert am

Auch private Dinge twittern

Politiker wie Schäfer-Gümbel benutzen Twitter keineswegs ausschließlich für politische Botschaften. „Moin. Alle fit?“, twittert der SPD-Mann im April. „Klar doch :-)“, kommentiert ein Nutzer. „Wie ist eigentlich der #Kaffee im Landtag?“, fragt ein anderer. „Mein Sohn würde sagen: so mittel. :)“, schreibt Schäfer-Gümbel zurück. Verspätete Flieger, das Wetter und vor allem Kaffee. Das sind die Themen mit denen sich die Follower von „TSG“ zu großen Teilen beschäftigen müssen. Dennoch finden sich unter seinen Nachrichten auch politische Aussagen und relevante Informationen. Wirkliche Diskurse kommen bei der Begrenzung von 140 Zeichen pro Nachricht auf Twitter aber kaum auf.

„Bis zu einem gewissen Grad sollte man schon private Dinge twittern“, meint Mack. Dennoch gelte weiterhin, dass Twitter ein Informationsmedium sei. Das komische Potential von Schäfer-Gümbels Gezwitscher machte auch die Macher des Satiremagazins „Titanic“ aufmerksam. Auf einer Kopie des Politiker-Profils verbreiteten sie seit 2010 allerhand Unsinn in seinem Namen - für etwa 5000 Follower. In der SPD sieht man darin aber kein ernstzunehmendes Problem. „Allen ist klar, wem der echte Account gehört und wem nicht“, sagt Mende. So etwas müsse man im Internet eben ein Stück weit hinnehmen.

Eigene Homepage ist Selbstverständlichkeit

Auch Ministerpräsident Volker Bouffier kennt die Sticheleien der Netzgemeinschaft. Als er im April sein Profilbild aktualisierte, kommentierte ein Nutzer dieses mit den Worten: „Sexy wie eh und je!“ Ein anderer fragte: „Kollege Bouffier, wo lassen Sie Ihre Haare schneidern?“ Im Gegensatz zu seinem Herausforderer Schäfer-Gümbel beschränkt sich Bouffier in seinen Facebook-Mitteilungen fast ausschließlich auf politische Inhalte. Ein Besuch auf dem Wochenmarkt, die Eröffnung des Regionalflughafens Kassel-Calden und ein Treffen mit der Feuerwehr in Neu-Isenburg: Bouffier zeigt sich volksnah, gibt aber wenig Persönliches preis. Ein Foto mit Frau und Hund als Ostergruß stellt da schon die Ausnahme dar. Bayern-Fan Schäfer-Gümbel dagegen debattiert mit seinem Anhang Fußballergebnisse oder tauscht sich über den neuen Papst aus.

Facebook und Twitter sind nicht die einzigen digitalen Angebote, die hessische Parteien zur Wahlkampfführung nutzen. Eine eigene Homepage ist schon zur Selbstverständlichkeit geworden - alle großen Parteien betreiben außerdem einen Kanal im Videoportal Youtube. Die Klick-Zahlen zu den hochgeladenen Filmen bewegen sich jedoch nur selten im dreistelligen Bereich. Was der Landtagsabgeordnete Jürgen Lenders (FDP) beispielsweise Ende März im Landtag zum Mittelstandsgesetz sagte, haben sich bisher lediglich fünf Leute auf dem Youtube-Kanal „FDP-Fraktion Hessen“ angesehen. Drei Jahre nachdem der Kanal angelegt wurde, zog er inzwischen überschaubare dreizehn Abonnenten an.

„Das wird weiter zunehmen“

„Social Media wird nicht unser einziges und stärkstes Instrument sein“, hebt eine Sprecherin der hessischen CDU hervor. Für den richtigen Umgang mit den digitalen Medien biete die Partei Workshops für Mitarbeiter und Mandatsträger an. Zusätzlich gebe es „Social Media-Leitlinien“, die intern verteilt würden. Einen Wahlkampf wie die Piraten fast ausschließlich online zu führen, komme für die Christdemokraten (noch) nicht in Frage. „Wir sind schließlich eine Volkspartei!“, sagt die Sprecherin. Vor allem mit jungen Leuten wolle man online kommunizieren und offline dann die Resultate umsetzen.

„Viele große Schritte nach vorne“ habe seine Partei in den vergangenen Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit gemacht, meint Ingmar Jung von der Jungen Union (JU). Vor allem die Internetseite „Mitdenkforum“, bei der Bürger online Vorschläge zum CDU-Wahlprogramm machen konnten, sei sehr positiv aufgenommen worden. Die JU würde vieles inzwischen nur noch digital veröffentlichen. „Das wird weiter zunehmen“, sagt Jung. „Wenn einer von uns in zehn Jahren ein erfolgreicher Politiker sein will, kommt er ohne virtuelle Kommunikation gar nicht mehr aus.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Ein Bild, das um die Welt ging: Wassermassen bahnen sich am 16. Juli ihren Weg durch den Erftstädter Stadtteil Blessem.

Flutopfer in Erftstadt : Bangen an der Abbruchkante

In Blessem sind die Bewohner nach der Flutkatastrophe noch immer mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Viele stehen vor dem Nichts und fürchten: Was ist, wenn man uns Flutopfer vergisst?
Die Altersstruktur der Bevölkerung hat starke Auswirkungen auf das Rentensystem.

Wahlkampf : Land der Verdränger

Politik und Wähler leugnen kollektiv die Fakten. Ändert sich nichts daran, hat das immense Kosten für uns alle. Das gilt für Extremwetterereignisse – aber auch für die Rentenpolitik.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.