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Polen in Frankfurt : Der zerbrochene Spiegel

Viertel vor zwölf: Der kleine polnische Feinkostladen in Bornheim ist gut sortiert. Normalerweise wird zwischen Schokoriegeln, sauren Gurken, Tee und Schnaps nicht über Politik diskutiert. Bild: Esra Klein

Mehr als 14.000 Polen leben in Frankfurt. Seit der Parlamentswahl im Herbst geht durch ihre Heimat ein Riss. Familien zerstreiten sich, Freundschaften zerbrechen. Auch die im Ausland lebende „Polonia“ ist in zwei Lager gespalten. Was ist da los?

          8 Min.

          Vor langer Zeit, hinter den Bergen und hinter den Wäldern, lebte einmal ein Teufel, der hatte einen Zauberspiegel. Wer hineinschaute, der sah die Welt verzerrt, alles erschien als sein genaues Gegenteil: Das Schöne wurde hässlich, das Böse wirkte gut. Eines Tages fiel der Spiegel dem Teufel aus den Händen und zersprang in tausend Stücke. Wer eines fand und hineinblickte, der sah die Welt mit anderen Augen.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          So beginnt Hans Christian Andersens Märchen von der Schneekönigin. Karina Pryt – blonde kurze Haare, Brille – sitzt in einem Café an der Hauptwache und erzählt es. Weil es zeige, warum viele Polen einander einfach nicht mehr verstehen.

          Durch Polen geht ein Riss, die Gesellschaft ist gespalten: in die Anhänger der neuen Regierung und ihre Kritiker. Auch in der „Polonia“, der im Ausland lebenden Gemeinschaft, ist der Konflikt spürbar. Familien zerstreiten sich, Freundschaften zerbrechen. Mehr als 14000 Polen leben in Frankfurt – hinter Türken, Italienern und Kroaten die größte Gruppe von Ausländern. Sie fallen im Alltag kaum auf. Vielleicht, weil Polen und Deutsche einander so ähnlich sind: fleißig, zuverlässig, leistungsorientiert, oft etwas unterkühlt. Aber seit einigen Wochen hören immer mehr Polen von ihren deutschen Bekannten nur eine Frage: Was ist denn bei euch los?

          Verwandte, die „in einer Parallelwelt leben“

          Karina Pryt wohnt seit fünf Jahren in Frankfurt und lebt auch privat den europäischen Gedanken: Sie ist mit einem Deutschen verheiratet, hat zwei kleine Kinder und engagiert sich in der deutsch-polnischen Elterninitiative Krasnale – auf Deutsch Zwerge – für zweisprachige Erziehung. Ihre polnische Identität hält sie auch in Deutschland hoch. Aber die Haltung der nationalkonservativen Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS), die nach dem Wahlsieg die Europaflaggen in Regierungsgebäuden gegen polnische austauschen ließ, ist ihr fremd. „Die PiS-Anhänger schreiben sich den nationalen Gedanken auf die Fahnen, sie vereinnahmen für sich die Vaterlandsliebe und sprechen sie allen anderen ab“, sagt sie. Wer sich aber in Frankfurt für den Erhalt der polnischen Sprache bei Kindern und Jugendlichen engagiere, stehe der Partei in der Regel fern.

          Pryt ist Historikerin. Sie hat in Freiburg Geschichte studiert und ein Gespür für „historische Muster“, wie sie es nennt. Bis zur Präsidentenwahl im Mai war in ihrem Leben alles in Ordnung. Doch seit Andrzej Duda von der PiS Präsident wurde, beobachtet sie einen „Kulturkampf“ in ihrer Heimat. Im Herbst gewann die PiS dann auch die Parlamentswahlen. Und im Leben von Karina Pryt war nichts mehr wie zuvor. Die in nächtlichen Sitzungen beschlossenen Gesetze zur Reform des Verfassungsgerichts und der öffentlich-rechtlichen Medien machen ihr Sorgen, nicht nur abstrakt, auch persönlich. Sie sei sehr niedergeschlagen, sagt sie und seufzt. „Für mich ist seit Herbst in Europa nichts mehr selbstverständlich. Das polnische Beispiel zeigt, wie verletzbar die Demokratie, der Rechtsstaat und der Frieden im Allgemeinen sind.“

          Die Politik wirkt auch in Pryts Alltag hinein. Sie hat versucht, mit Bekannten zu diskutieren, die für die PiS gestimmt haben. „Aber sie leben in einer Parallelwelt.“ Wer an Verschwörungstheorien glaube, den könne man schwer erreichen, geschweige denn überzeugen. Manchmal erinnert sie das an Menschen, die einer Sekte angehören, so fremd ist ihr das Weltbild. „Eine Verständigung ist nicht möglich. Für mich sind diese Leute irrational.“ Mit den Anhängern der Regierungspartei sei es wie im Märchen von der Schneekönigin: „Sie blicken in einen verzauberten Spiegel, in dem man alles schwarz sieht.“ Die Historikerin versucht deshalb, politische Themen zu meiden. „Ich übe mich in Diplomatie.“

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