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Poetry Slam : Los geht es bescheuert

Botschafter für Sprachkunst: Dalibor Markovic gibt seine Poetry-Slam-Workshops manchmal auch an Hauptschulen. Dort sind die Jungs überrascht, dass sie auch Applaus dafür bekommen können, wenn sie etwas von sich auf der Bühne zeigen. „Sie sind es normalerweise nur gewohnt, Anerkennung zu bekommen, wenn sie auf dem Schulhof fest zuhauen“, sagt Markovic. Bild: Fiechter, Fabian

Dalibor Marković gibt Workshops in Poetry Slam. Anfangs sprechen die Schüler wie Babys. Am Ende stehen sehr erwachsene Sätze.

          Die Zeiten, in denen den Leuten erklärt werden musste, was ein Poetry Slam ist, sind vorbei. Weiß doch jeder: Da gehen welche auf die Bühne, sagen Texte auf, und am Ende bestimmt das Publikum, wer der Beste ist. Das gibt es in Amerika schon seit den achtziger Jahren und in Frankfurt inzwischen fast jedes Wochenende. Es ist also mit dem Poetry Slam so wie mit allem, was einmal unbekannt war und inzwischen im Fernsehen läuft: Die Frage danach ist lächerlich, die Antwort lohnt sich nicht. Dalibor Marković ist Poetry Slammer, und die Frage, was das ist, lohnt sich sehr.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Heute wollen wir uns ein schönes Gedicht zaubern.“ Dalibor Marković steht in der Kulturkirche Sankt Peter und spricht. Fast beiläufig fallen seine Worte, und ein bisschen zu leise kommen sie auf. Schnell ist da der Gedanke da: Was bitte kommt denn jetzt? Aber spätestens bei der Füllung ist das vorbei. Das Gedicht, über das Marković spricht, das ist nämlich ein Kuchen, mit einem Teig aus Versmaß, einer Glasur aus Lyrik und einer Füllung aus Gesellschaft. Die, so sagt es Marković auf, wird verwendet wie eine Frucht und ausgepresst, bis übrig ist, woraus die Gesellschaft im Innersten besteht: „Aus den Nutz- und Herdentieren Esel und Schaf.“

          „Bah bah bah“

          Was in der Kulturkirche passiert, ist kein Poetry Slam, weil Marković alleine gekommen ist, aber es ist das, was der 38Jahre alte Mann bei einem solchen Dichterwettstreit vortragen würde: ein schönes Bühnenstück, eines, das sogar funktioniert, wenn es gar keine Bühne gibt. Denn bei der Sankt-Peter-Gala im September, als Marković sein Stück über die Poesie als Backmischung vortrug, da war die Bühne bloß ein Stück Teppich, und die Leute waren zum Reden und Essen da. Trotzdem waren sie alle still, als der Künstler sprach. Marković sagt, was er macht, sei eine Art Ein-Mann-Theater, bei dem er Drehbuchschreiber, Regisseur und Schauspieler in einem ist. Zum ersten Mal hat er einen Poetry Slam gesehen, als es noch okay war, zu fragen, was das ist: in den neunziger Jahren in einer Bar in New York. Inzwischen kann er von seinen Auftritten leben. Wie man Poetry Slammer wird? Marković grinst. „Indem man meine Workshops besucht.“

          Los geht es bescheuert. Marković und ein gutes Dutzend Studienanfänger aus dem Fachbereich Soziale Arbeit der Fachhochschule stehen im Kreis und klingen wie Babys. Einer zippelt an seiner Unterlippe und einer macht „bah bah bah.“ Marković dirigiert Tempo und Lautstärke, ein irres Konzert. „Am Anfang eines Workshops tue ich immer so, als müssten wir alle die Sprache neu lernen“, sagt er.

          Er ist fast jedes Mal nervös

          Das Konzept für den Poetry-Slam-Workshop hat Marković selbst erarbeitet, seit drei Jahren schon hält er einen von 20Kursen, mit denen im Fachbereich Soziale Arbeit das Studium beginnt, in diesem Jahr für 300 junge Menschen. Sie können wählen zwischen Graffiti, Theater, Video oder eben Poetry Slam. Die Übungen, die Dalibor „bescheuert“ nennt, sollen vor allem die Angst nehmen, auf die Bühne zu gehen und etwas von sich zu zeigen. Keiner von denen, die sich jetzt gerade eine sinnlose Lebensweisheit aus zwei Worten, einer beliebigen Frucht und einem beliebigen Tier, ausdenken sollen, wird nach zwei Tagen Kurs ein guter Poetry Slammer sein. „Aber vielleicht haben die es dann leichter, Referate zu halten, sicher und klar vor Menschen zu sprechen“, sagt Marković.

          Bevor Dalibor Marković, der in Frankfurt geboren ist und in Sachsenhausen lebt, auf die Bühne muss, ist er nervös, fast jedes Mal. „Wenn ich es nicht bin, dann wird der Auftritt nicht gut“, sagt er. Seine Arbeit besteht darin, es nicht nach Arbeit aussehen zu lassen. Auch die Studenten fragen als erstes, als Marković ihnen zu Beginn des Workshops einen Text von sich vorträgt, ob er das alles improvisiert habe. Marković schmunzelt. „Nein, das ist komplett aufgeschrieben.“ Er zieht sich dafür in seine Schreibstube unterm Dach zurück, setzt sich wie jeder andere an seine Arbeit, sechs Stunden am Stück, die Musen, sagt er, die kommen nur selten, um ihn zu küssen.

          Die Welt geht in acht Minuten unter

          Jetzt also ernsthaft: Poetry Slam, das ist weder Comedy noch Kabarett, aber beides auch ein bisschen. Marković sagt, es geht darum, die Grenzen der Bühne auszureizen und zu verschieben. Er macht viel mit seiner Stimme, na klar, und poetisch sind seine Texte auch, manchmal jedenfalls. Er benutzt aber auch seinen Körper, liest nicht nur einfach etwas vor, sondern performt: Er beugt sich schnaufend über den Bühnenrand, wenn er darüber redet, wie sich einer in den Rinnstein übergibt. Ob Johann Wolfgang von Goethe ein guter Poetry Slammer gewesen wäre – das ist noch so eine Frage, die eigentlich schon nicht mehr gestellt gehört, auf die sich aber die Antwort lohnt, jedenfalls dann, wenn Dalibor Marković sie gibt: „Goethe vielleicht nicht, aber Schiller. Der war auch so ein Haudegen.“

          In der Turnhalle der Fachhochschule stehen die Poetry Slammer im Spotlicht auf der Bühne, um ihre Arbeit aus zwei Tagen Workshop zu präsentieren. In ihrer Poesie, dem Text, den sie geschrieben haben und gemeinsam vortragen, geht die Welt in acht Minuten unter. Einer steht da und tut so, als würde er Marihuana rauchen. „Liebe, Sex, Drogen“, sagt er. „L-S-D. Das war mein Leben. In diesem Sinn habe ich alles gegeben.“ Er ist in den zwei Tagen Workshop ziemlich schnell erwachsen geworden.

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