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Poetry Slam für Einsteiger : Ein Hauch von Subkultur

  • -Aktualisiert am

Vom Hip-Hop zum Poetry Slam: Simon Petersen trägt ein Gedicht über seine Heimat vor. Bild: Rainer Wohlfahrt

Seit Poetry Slam zur Massenkultur wurde, trauen sich weniger Anfänger anzutreten. Einsteiger-Slams sollen dem abhelfen.

          3 Min.

          Marburg. Drei Flaschen Flensburger Pilsener hat Simon Petersen im Rucksack, als er im Kulturladen KFZ ankommt, denn im Rest der Republik gibt es kein richtiges Bier. Richtiges Bier ploppt, wenn er es öffnet, und vertreibt sein Lampenfieber. Er ist von Föhr hergekommen, für den Poetry Slam und auch für die Liebe. Seine Freundin lebt hier und findet, die Veranstaltung sei genau das Richtige für ihn. Die Frau macht seine Welt ein bisschen größer, neulich zum Beispiel hat er dank ihr erstmals einen Slam gesehen. „Ich kannte das gar nicht, weil ich ja auf einer Insel lebe“, sagt er.

          Bei dem Dichterwettstreit stehen Amateure auf der Bühne und tragen dem Publikum selbstgeschriebene Texte vor. Zumindest ist das der Grundgedanke. Poetry Slam galt in Deutschland mal als Subkultur, aber das war in den neunziger Jahren, als die Poeten noch in Kellerkneipen vor wenig Publikum auftraten. Mittlerweile können die Stars der Szene vom einstigen Hobby leben, sie treten im Fernsehen auf und schreiben Bestseller.

          Slams seien inzwischen „Hochglanzveranstaltungen“

          Einer von ihnen ist Lars Ruppel. Er ist 31 Jahre alt und bestreitet seinen Lebensunterhalt seit mehr als zehn Jahren mit Moderationen, Workshops und den Slams, die er organisiert und moderiert. Normalerweise lädt er, selbst Deutscher Meister 2014, andere prominente Poeten zu seinem Slam ein. Der aktuelle Wettstreit ist untypisch, denn er steht unter dem Motto „Mein erster Poetry Slam“.

          Poetry Slam sei im Laufe der Jahre eine „Hochglanzveranstaltung“ geworden, sagt er, als er vor der Veranstaltung in einem Kellerraum sitzt und raucht. Das Publikum sei gewohnt, von den Spitzen-Slammern sehr gut unterhalten zu werden. Deshalb trauten sich unbekannte Autoren kaum noch anzutreten. Wenn doch einmal Debütanten kämen, seien sie meist keine richtigen Anfänger, sondern „Bühnenschweine“: Künstler aus anderen Feldern, die ein Publikum suchten und Poetry Slam vor allem als ein Sprungbrett zum Ruhm sähen. So habe der Dichterwettstreit den offenen Charakter verloren, der ihn ausmache. Mit der Einsteiger-Veranstaltung will Ruppel echten Anfängern eine Chance geben. „Von denen, die heute Abend auftreten, sucht keiner ein Publikum. Die suchen sich selbst.“

          Zwanzig Minuten vor Beginn sitzen Petersen und acht weitere Hobby-Literaten, sechs Frauen und zwei Männer, um einen Tisch und reden. Alle rauchen, die anderen trinken Bosch Pils aus Flaschen. Als Vorbilder nennen sie bekannte Slammer wie Tobi Katze, Felix Römer und Lars Ruppel selbst. Petersen sagt: „Mein Vorbild ist Peter Pan: Nie erwachsen werden.“

          Poetry Slams leben von den Hoch und Tiefs

          Schweigend gehen sie in den letzten Minuten noch einmal ihre Texte durch. Petersen hält vier Zettel mit Eselsohren in der rechten Hand, die ein bisschen zittert. Auf den Unterarm hat er einen Leuchtturm tätowiert. Hat er Angst, dass das Publikum ihn auslacht oder auspfeift? „Nee“, sagt er. „Wenn einer pfeift, sage ich dem einfach: Komm du mal hoch und mach du mal. Aber ich glaube nicht, dass da so Dösbaddel sitzen.“

          Zur Beruhigung: Petersen liest vor dem Auftritt noch einmal seinen Text.
          Zur Beruhigung: Petersen liest vor dem Auftritt noch einmal seinen Text. : Bild: Rainer Wohlfahrt

          Der Einunddreißigjährige schreibt seit Jahren als Hip-Hopper und hat seine gereimten Texte für den Slam verlängert. Sechs Minuten hat er, um das Publikum für sich einzunehmen. Die meisten seiner Mitstreiter, die vor ihm an der Reihe sind, üben in ihren Beiträgen Gesellschaftskritik. Sie sprechen über Wiesenhofhühnchen und Hasskommentare auf Facebook. Wenn die Zuhörer die Texte nicht mögen, starren sie lange vor sich auf den Boden und zupfen an ihrer Kleidung herum, aber sie bleiben still. Ruppel, der sie zwischendurch mit seiner Moderation routiniert unterhält, sagt, der Slam lebe gerade von der Abwechslung zwischen Höhe- und Tiefpunkten. „Show und Schein kennen die Leute schon.“

          Der Charme der Veranstaltung besteht darin, dass Poetry Slam hier wieder einen Hauch von Subkultur verströmt. Die Teilnehmer inszenieren sich nicht, sie versprechen sich und kämpfen mit verrutschenden Mikrofonständern. Kurz vor der Pause steht Simon Petersen im Licht der Scheinwerfer und ist von Zuhörern umzingelt. So viele Leute sind da, dass sie hinter und neben ihm auf der Bühne sitzen. Der Schirm seiner Baseballkappe wirft Schatten auf sein Gesicht. Er beginnt zu reden, ist aber nicht zu verstehen. Ruppel winkt am Bühnenrand und ruft ihm zu: „Geh näher ans Mikro!“

          Ein Teddybär als Trostpreis

          Die Blätter in seiner Hand zittern noch heftiger als vorher, als er ein Gedicht über seine Heimat Föhr vorträgt. Darin erzählt er von Flens am Lagerfeuer, von Dünen, Wind und Lachmöwen, von Füßen im Sand und der Sonne am Horizont. „Schön“, flüstert eine Konkurrentin ihrer Nachbarin zu. Als er von der Bühne kommt, lacht er, die anderen klopfen ihm auf die Schulter. Nur das Zittern ist ihm etwas peinlich. „Tadderaufgeregt, all inclusive“, sagt er wie zur Entschuldigung und öffnet die letzte Flasche.

          Die zufällig ausgewählten Zuhörer, die an diesem Abend die Jury bilden, wählen ihn und drei Frauen ins Finale. Ruppel rät ihnen, nicht nur Zettel mitzunehmen, sondern auch einen Block, damit das Händezittern nicht so auffällt. „Moin, da bin ich wieder. Leider ist mein Flens jetzt leer“, beginnt Petersen seinen Finalauftritt. Dann trägt er ein Gedicht über den „Zahn der Zeit“ vor, in dem es darum geht, dass alles schöner war, als man noch Verstecken spielte, statt Ladegeräte für Smartphones zu suchen. Er bekommt viel Applaus, aber zum Sieg reicht es nicht. Eine Konkurrentin, deren Text die Botschaft „Nutze den Tag“ hat, gewinnt. Petersen bekommt als Trostpreis einen Teddybären. Was er damit macht? „Den schenke ich meiner Freundin, ist doch klar.“

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