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Plündern von Kleingärten : Einbruch in eine heile Welt

Kameras gegen Einbrecher: Joachim Dörr sagt, ein Versuch sei es wert. Bild: Stefan Finger

Die Frankfurter Kleingärtner sind besorgt, denn noch nie wurden so viele Lauben aufgebrochen wie in jüngster Zeit. Viele haben mittlerweile Alarmanlagen gegen die Diebe installiert.

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          Als die ersten Regenwolken aufziehen, sitzt Hannelore Dörr in ihrer Gartenhütte, vor sich eine Kanne Kaffee. In der Ecke steht der Ofen, der an diesem Donnerstagnachmittag wie an allen kälteren Tagen die Laube heizt. Seit etwa zwei Wochen schon war sie nicht mehr in ihrem Kleingarten in Goldstein. Es ist eben Winter, da gibt es nicht viel zu tun. Früher hat sie sich in ihr Auto gesetzt und konnte kaum noch abwarten, die Äpfel, Erdbeeren und Johannisbeeren zu ernten, die in ihrem Garten wachsen. Heute, sagt sie, habe sie oft einfach nur noch Angst.

          Katharina Iskandar
          Verantwortliche Redakteurin für das Ressort „Rhein-Main“ der Sonntagszeitung.

          Die Angst beginnt schon am großen eisernen Tor, das vor kurzem erst erneuert werden musste, als wieder einmal Einbrecher in die Anlage gekommen waren. Und sie verfolgt sie den ganzen Weg entlang bis zu ihrer Laube, von der sie mittlerweile nie weiß, ob dort wieder Fremde eingedrungen sind. Hannelore Dörr kann genau sagen, welche Hütten schon aufgebrochen wurden. „Die da“, sagt sie dann und zeigt auf ein braunes adrettes Holzhäuschen mit Kinderrutsche nebenan. „Und die auch. Und da hinten, da haben sie regelrecht gewütet.“ Als Dörr alle Hütten aufgezählt hat, wird klar, dass im Laufe der Zeit fast keine der rund 60 Lauben des Vereins verschont geblieben ist.

          Mehr und mehr Einbrüche

          Allein im Mai vergangenen Jahres wurde jede dritte Hütte aufgebrochen, innerhalb einer Nacht. Im Oktober abermals 25, und auch davor gab es immer wieder Einbrüche. Allein Dörrs Hütte wurde dreimal von Einbrechern heimgesucht. Die Täter durchwühlten die Schubladen der Vitrine und bedienten sich an Getränken, die in der Hütte lagerten. Am Ende nahmen sie einen Akkuschrauber und eine Induktionskochplatte mit. Dörr hatte es in der Aufregung zunächst gar nicht bemerkt. Erst als die Polizei weg war, fragte sie ihren Mann, warum eigentlich der Topf auf dem Tisch stehe. Da sagte er zu ihr: „Na, schau doch mal, dein Herd ist weg.“ Wenige Monate später wurde wieder eingebrochen. „Wir hatten gerade erst wieder alles hergerichtet, da waren sie schon wieder da“, sagt die Rentnerin. Diesmal hatten die Täter die Tür nicht ganz zertrümmert, sondern die Blende am Türschloss aufgebogen und dann den Zylinder mit einer Zange geknackt. Dörrs Mann sagt: „Wenigstens den Eingang haben sie ganz gelassen.“

          „Sie“, damit sind die Täter gemeint. Viele Kleingärtner meinen, das sei eine homogene Gruppe. Eine, die sich untereinander abspricht, welche Anlage als nächste dran sei. Die vorher in die Kolonien kommt, um alles auszukundschaften. Anders, so sagen die Kleingärtner, sei der Anstieg an Einbrüchen nicht zu erklären. Wurden 2011 noch 423 Lauben aufgebrochen, waren es nach Angaben des Stadtverbands der Frankfurter Kleingärtner 2012 schon 623. Im vergangenen Jahr gab es schließlich mit 841 Aufbrüchen so viele wie noch nie, wie der Dachverband mitteilt, der für 112 Vereine spricht. Nach Einschätzung der Polizei ist die Tendenz auch in diesem Jahr eher steigend.

          Verfolgungsjagd durch Kohlbeete

          Mit Informationen zu möglichen Tätern halten sich die Ermittler jedoch zurück. In den Revieren gibt es Fahndungsgruppen, die sich mit solchen Fällen befassen. Aus „ermittlungstaktischen Gründen“ wolle man aber zu den Verdächtigen keine näheren Angaben machen, heißt es im Polizeipräsidium. Auch, um niemanden unter „Generalverdacht“ zu stellen. Denn auch in der Vergangenheit habe man keine feste Gruppierung ausmachen können, die für die Einbrüche verantwortlich sei. Mal seien es Obdachlose gewesen, die eine Schlafstätte gesucht hätten, mal Drogensüchtige oder andere Personen, die darauf gehofft hätten, vielleicht Geld zu finden.

          Ab und zu gab es schon Festnahmen, zuletzt Ende vergangenen Jahres. In Seckbach fasste die Polizei einen 33 Jahre alten Mann aus Frankfurt, der zuvor versucht hatte, in eine Hütte am Seckbacher Bitzweg einzubrechen. Wenige Tage vorher wurden zwei Männer in Schwanheim gefasst, die dort vier Gartenhütten aufgebrochen hatten. Eine Polizeistreife hatte es aus der Anlage heraus klirren hören, es klang wie geborstenes Fensterglas. Die Beamten riefen daraufhin Verstärkung. Wenige Minuten später kam es zu einer Verfolgungsjagd durch Kohlbeete und Blumenrabatten, ein Hubschrauber kreiste in der Luft. Von den drei Einbrechern konnten zwei gefasst werden. Wie sich herausstellte, hatten die Männer vor allem Lebensmittel und Alkoholika gestohlen.

          Gründung von „Bürgerwehr“ überlegt

          Die Festnahmen sprachen sich schnell herum in der Szene der Kleingärtner. Auch Joachim Dörr sagt, vielleicht seien es ja dieselben gewesen, die auch ihren Verein heimgesucht hätten. Immerhin sei ihre Anlage seit Jahresanfang verschont geblieben. Dennoch war die Festnahme für die meisten Kleingärtner nur ein kleiner Trost. Denn in anderen Anlagen gingen die Einbrüche weiter.

          Allein seit Januar gab es rund hundert weitere Einbrüche, zwanzig davon innerhalb einer Nacht im Kleingartenverein der „Rosisten“ in Sachsenhausen. Die Täter stählen alles, was sie gebrauchen oder zu Geld machen könnten, heißt es bei der Polizei. Werkzeuge, Sägen, Bohrmaschinen, Nahrungsmittel und Getränke. Und alle Arten von Metall, vor allem Kupfer. Nicht nur in der Gartenkolonie der Dörrs in Goldstein wird deshalb schon überlegt, wie sich Hab und Gut künftig schützen lasse. Der Weg zu einer „Bürgerwehr“, heißt es unter den Kleingärtnern, sei nicht mehr weit. Vorläufig belassen es aber die meisten bei Alarmanlagen. Die Dörrs haben sich eine Kamera gekauft, mit Infrarot, damit sie auch im Dunkeln funktioniert.

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