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Plattenladen in Wiesbaden : Voll auf Vinyl

Schwarzes Gold: im Antiquariat von Manfred Eisele an der Wiesbadener Mauergasse. Im Sortiment hat er viele Raritäten, was er nicht hat, versucht er zu besorgen. Bild: Röth, Frank

Schallplatten sind Manfred Eiseles Leidenschaft und Geschäft, seit den Sechzigern. Früher hat er die Hits aus den Charts verkauft, heute handelt er mit Raritäten.

          5 Min.

          Wagner ist sein Favorit. Inzwischen. Es waren auch schon Interpreten aus Rock, Pop und Jazz, alles zu seiner Zeit. Alles mit Druck. „Wagner muss man laut hören“, weiß Manfred Eisele. Wie er überhaupt viel über Musik und Musikgeschichte weiß. Und wahrscheinlich alles über alle Schallplatten, die jemals gepresst wurden.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          In seinem Antiquariat in Wiesbaden, wo der Himmel voller schwarzer Scheiben hängt, greift Eisele wie zufällig hinter sich und zieht aus einem Ständer eine Schallplatte der britischen Cellistin Jacqueline du Pré. „Große Musikerin, traurige Geschichte“, schickt er voraus und beginnt zu erzählen: Die Ausnahme-Cellistin sei mit dem Pianisten und Dirigenten Daniel Barenboim verheiratet gewesen, früh an multipler Sklerose erkrankt und 1987 im Alter von nur 42 Jahren gestorben. Lange vorher habe sie schon nicht mehr konzertiert. Entsprechend wenige Platten gebe es von ihr. Eisele hat sie.

          Die erste Adresse in den 70ern

          Eine von unzähligen Geschichten, die er im Kopf hat. Gesammelt in Jahrzehnten, der heute Dreiundsiebzigjährige arbeitet seit 1965 in der Branche. Eiseles Eltern hatten in Offenbach einen Radio-, Foto- und Plattenladen. Das Vinyl begeisterte nicht nur den Sohn, sondern auch die Tochter; Manfred Eiseles Schwester betrieb bis 1999 in Frankfurt am Goetheplatz „Marions Schallplatten Boutique“.

          Sammlerstück: Die erste „Bravo“ hat der Vinyl-Mann auch.
          Sammlerstück: Die erste „Bravo“ hat der Vinyl-Mann auch. : Bild: Röth, Frank

          Zwischen seinen Anfängen als Händler und dem Antiquariat, das Eisele heute zusammen mit seiner Frau führt, liegen viele Jahre im Massenmarkt der Charts und Hits. In den siebziger Jahren und noch Anfang der achtziger Jahre war Eisele mit seinem damaligen „Schallplattenhaus“ an der Wiesbadener Langgasse ganz vorne mit dabei. Wer in der Landeshauptstadt die neue LP seiner Lieblingsgruppe suchte, für den war das Geschäft die erste Adresse. Der Laden brummte. Das war lange vor MP3-Playern und Downloads aus dem Internet und zunächst auch vor der CD, anfangs sogar vor dem Probehören mit Kopfhörern mitten im Laden: Man ging ins Geschäft, stellte sich an der Theke an, wenn man in die Platten „reinhören“ wollte. War man dran, nannte man Interpret und Titel und wurde in eine schallgedämmte Kabine geschickt. Von den Kabinen, sagt Eisele und lächelt, sei er bald wieder abgekommen, manches Pärchen habe es darin, gut beschallt, nicht beim Musikhören belassen.

          Versorgt das Sträßchen mit Musik

          Es war noch die Zeit vor jeder elektronischen Sicherung. Um Diebstahl trotzdem zu verhindern, waren die Cover der Schallplatten leer in die Regale einsortiert. Wollte ein Kunde kaufen, musste Eisele ins Lager greifen, eine recht umständliche Prozedur. 1982 war Schluss im Wiesbadener Schallplattenhaus. Die immer rascher steigenden Mieten hätten für die Geschäftsauflösung den Ausschlag gegeben, sagt Eisele. Zu Beginn habe er 2100 Mark im Monat gezahlt, ein paar Jahre später 9600 und am Ende 12 800 Mark für den Laden in der Fußgängerzone, das entsprach dem, was heute 6500 Euro sind.

          Eisele begann noch einmal neu, im benachbarten Mainz, nun auch mit CDs neben dem Vinyl. Sein Geschäftsmodell behielt er bei, Kunden binden durch Sachkunde, Beratung, Service und Geduld. So wie bei jenem Mann, der insgesamt sechs Stunden lang Bruckner gehört, die CD aber dann nicht bei ihm, sondern im nahen Kaufhof gekauft habe. „Ich wollte es einmal wissen und bin ihm gefolgt. Die CD hat dort 35 Mark gekostet, bei mir 37“, erinnert sich Eisele, er klingt noch immer regelrecht entsetzt, als er das erzählt. 1993 nahm Eisele CDs aus dem Sortiment, kehrte ganz zur Schallplatte und nach Wiesbaden zurück, eröffnete den jetzigen Laden an der Mauergasse. Wer heute durch diese kleine, feingemachte Geschäftsstraße schlendert, der hört, ob das Antiquariat geöffnet ist, noch bevor er es sieht. Ist Eisele da, dringt mal die Piaf ans Ohr, mal Jazz. Mal singt die Callas, mal singen die Fab Four, die Beatles. Zur Freude der anderen Ladenbetreiber und der Passanten versorgt Eisele das ganze Sträßchen mit Musik. An sonnigen Samstagen stellt sich so etwas wie Feststimmung ein, immer mehr Leute kommen, wie bei einem Flashmob, ganz ohne Internet.

          Viele geben nichts für Musik aus

          Eisele profitiert von der Renaissance der Schallplatte, die Zahl der Sammler steigt. Seine sicherste Bank aber ist sein Ruf bei den Stammkunden. Sie warten geduldig notfalls viele Monate, bis Eiseles Frau anrufen und melden kann, dass ihr Mann die gesuchte Scheibe in gewünschter Qualität gefunden habe. Diese Liebhaber sind dann auch bereit, für ein seltenes Stück mehrere hundert Euro auszugeben.

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