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Platanen verlieren Borke : Die Bäume lassen ihre Hülle fallen

Tarnmuster: An den Platanen der Siesmayerstraße löst sich die Borke in großen Stücken ab. Bild: Helmut Fricke

Viele Platanen verlieren derzeit besonders große Teile ihrer Borke. Woran das genau liegt, darüber streiten Experten. Einig sind sie sich aber, dass die Stadtbäume unter dem Klimawandel leiden.

          Ein leicht knarzendes Geräusch ist zu hören. Plötzlich löst sich ein gut handflächengroßes Stück Borke vom Baumstamm, segelt aus mehreren Metern Höhe durch die Luft und fällt zu Boden. Wenige Schritte weiter ist bei einer anderen großen Platane an der Siesmayerstraße im Westend das gleiche Schauspiel zu beobachten. Auf einigen der dort parkenden Autos liegen schon etliche abgefallene Borkenstücke.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch andernorts in der Stadt sieht man unter den Platanen so viele große, abgelöste Fetzen der obersten Rindenschicht liegen wie sonst nie im Sommer. „Das ist die Folge der großen Trockenheit“, sagt Baumexperte Eiko Leitsch. Die Witterung sei für die Stadtbäume und damit auch für die Platane „extrem“. Bleibe es, wie von den Wetterdiensten angekündigt, auch in den nächsten Wochen so trocken und warm, „dann werden wir Schäden an den Bäumen haben ohne Ende“, meint Leitsch. „Im schlimmsten Fall vergleichbar mit dem Jahr 2003.“

          Für die Baumart völlig normal

          Dass eine Platane sich schält und die Borke dadurch ein militärisch anmutendes Tarnfleckenmuster bekommt, ist für diese Baumart völlig normal. Eigentlich ist es sogar ein gutes Zeichen. Wenn die Platane wachse, „sprengt sie ihre Kleider“, sagt Bernd Roser vom Grünflächenamt. Er hält die aktuelle Situation noch nicht für besorgniserregend. Denn er vermutet, dass das derzeitige starke Abplatzen der Borke Folge des zweiten Blattaustriebs im Jahr ist, des sogenannten Johannestriebes. Die Stämme der Bäume legen dadurch seiner Meinung nach im Umfang eher zu.

          Leitsch dagegen ist sich sicher, dass die Bäume unter Wassermangel leiden. Dadurch verringere sich ihr Umfang, weshalb sich die Borke löse. Schließlich habe es zuletzt im April nennenswert geregnet. Normalerweise verlören Platanen ihre Borke „in überschaubarem Maße“. Doch derzeit stünden manche Bäume fast hüllenlos da und erschienen dadurch nahezu weiß. Für Leitsch gibt es keinen Zweifel: „Das sind die ersten Trockenschäden, die wir an den Bäumen sehen.“ An anderen Gehölzen, beispielsweise Weiden, beobachte er verstärkt Astabbrüche, und auch Eichen würfen bei Trockenheit kleinere Äste ab, um die Verdunstung zu reduzieren.

          „Wir leben unzweifelhaft mitten im Klimawandel“

          Einig sind sich Roser und Leitsch in der Einschätzung, dass die derzeitige Trockenheit erhebliche Folgen haben kann. „Wir leben unzweifelhaft mitten im Klimawandel“, sagt Roser. Das Grünflächenamt gieße junge Bäume an Straßen, auf Plätzen und in Parks schon jetzt häufiger. Idealerweise werde jeder Baum, der noch keine fünf Jahre alt ist, im Wochenturnus, ansonsten mindestens alle 14 Tage mit 150 bis 200 Litern Wasser versorgt.

          Rund 5000 dieser Jungbäume gebe es in Frankfurt, hinzu kämen noch Bäume an Extremstandorten wie dem Goetheplatz in der Innenstadt, die seit Wochen über Säcke zusätzliches Wasser an die Wurzeln bekommen. 20 bis 25 Personen – Mitarbeiter des Grünflächenamts und von Fremdfirmen – sind Roser zufolge derzeit ausschließlich damit beschäftigt, Bäume in der Stadt zu wässern.

          Das anhaltend warme und trockene Wetter macht für Roser und Leitsch auch deutlich, dass sich Städte wie Frankfurt mehr denn je damit beschäftigen müssen, welche Baumarten sie künftig pflanzen wollen. Bisher galt die Platane als gut geeignet, weil sie auch hohe Temperaturen und Trockenheit aushält. Leitsch ist aber überzeugt, dass sie das Stadtklima nicht mehr verträgt, wenn es zu warm wird. Straßenbäume wie Robinien und verschiedene Sorten von Ahornbäumen, die noch in den achtziger und neunziger Jahren viel gepflanzt worden seien, „leiden heute“, sagt Roser.

          „Wir suchen noch, welche Baumarten geeignet sein könnten“, sagt Leitsch. Benötigt würden andere Gehölze, und zwar aus Regionen, in denen es im Sommer heiß und trocken und im Winter sehr kalt sei. Vermutlich müsse man sich in Richtung Zentralasien und China orientieren. Mit den von den deutschen Naturschützern bevorzugten heimischen Arten hätten diese Bäume allerdings nichts mehr zu tun.

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