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Plagiatsverdacht : Steinmeiers Dissertation ein „Original“

Der Titel bleibt: Frank-Walter Steinmeier behält nach Prüfung der Justus-Leibig-Universität Gießen seinen Doktortitel. Bild: dpa

Die Universität Gießen weist die Plagiatsvorwürfe gegen den SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier zurück. Die Arbeit weise lediglich „handwerkliche Schwächen“ auf.

          Frank-Walter Steinmeier, seit 1991 Doktor der Rechte und deswegen seit sechs Wochen unter Plagiatsverdacht, bleibt an seiner Alma Mater in guter Erinnerung. Die Gießener Justus-Liebig-Universität, wo der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion und mögliche künftige Finanzminister von 1976 bis 1982 studierte, stellte gestern seiner 1991 vorgelegten juristischen Dissertation auch nachträglich ein gutes Zeugnis aus. Sie weise beim Zitieren zwar einige „handwerkliche Schwächen“ auf, im wissenschaftlichen Kern sei sie jedoch „originär Steinmeier“. Die beiden von der Universität beauftragten Gutachter sprachen sogar von einer „Pionierleistung“.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Lehrstuhl für öffentliches Recht hatte Steinmeier Ende der achtziger Jahre ehrenamtlich für die Obdachlosenhilfe gearbeitet. Das brachte ihn auf das Thema der später summa cum laude bewerteten Promotionsarbeit: „Bürger ohne Obdach. Zwischen Pflicht zur Unterkunft und Recht auf Wohnraum“.

          VroniPlag: Verdacht bei über 80 Prozent

          Anfang der neunziger Jahre hatte man die Arbeit als Plädoyer verstehen können, im Zuge einer möglichen Reform der Verfassung nach der Wiedervereinigung auch ein Grundrecht auf Wohnraum zu schaffen. 20 Jahre später gewinnt diese Forderung an Aktualität. In den derzeitigen Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und Union gehört „bezahlbarer Wohnraum“ zu den wichtigsten Themen.

          Die Leitung der Gießener Universität hatte Steinmeier gestern Vormittag vorab darüber unterrichtet, dass die von ihm selbst beantragte Prüfung zu dem Ergebnis gekommen sei, er habe nicht täuschen wollen und sich keines wissenschaftlichen Fehlverhaltens schuldig gemacht. Ende September hatten der Dortmunder Fachhochschulprofessor Uwe Kamenz und später die Internetplattform VroniPlag, gestützt auf mit Software ermittelten Hinweisen, solche Vorwürfe erhoben. Der Verdacht, sich fremde Gedanken zu eigen gemacht zu haben, wurde mit mehr als 80 Prozent bezeichnet.

          Fußnoten mitten in den Passagen

          Der Vorsitzende des Promotionsausschusses, der Dekan der Juristischen Fakultät, Professor Martin Gutzeit, nannte dies nicht nachvollziehbar und angesichts der eigenen Erkenntnisse sogar „willkürlich“. Der siebenköpfige Promotionsausschuss und der Vorsitzende der Kommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis, Professor Wolf-Dietrich Walker, waren einstimmig zu dem Ergebnis gekommen, die Arbeit weise lediglich „einige handwerkliche Schwächen“, insbesondere beim Zitieren, auf. So habe Steinmeier mitunter nicht ausreichend Anführungszeichen oder Fußnoten mitten in Passagen gesetzt, so dass nicht eindeutig ersichtlich geworden sei, wo das Zitierte anfange und ende. Jedoch habe er stets und mehrfach zu erkennen gegeben, dass dies nicht seine, sondern die Gedanken anderer Autoren seien.

          Gießens Uni-Präsident, Professor Joybrato Mukherjee, sagte zur Qualität der Vorwürfe, der Fall habe klargemacht, es sei wenig sinnvoll, Dissertationen nur Wort für Wort mit anderen Texten abzugleichen. Sie müssten vielmehr sachkundig im Zusammenhang gelesen werden.

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