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Autonomes Fahren : Gesteuert wie von Geisterhand

Der Mini-Bus mit dem Namen EASY soll demnächst Passagiere befördern. Bild: RMV

Ein autonom fahrender Minibus kurvt erstmals im öffentlichen Straßenverkehr im Main-Kinzig-Kreis. Noch dürfen wegen der Corona-Pandemie keine Fahrgäste dabei sein.

          3 Min.

          Er ist klein, kompakt und sieht aus wie ein überdimensioniertes, aber putziges Spielzeug. Doch es handelt sich nicht um eine Spielerei, die auf die Straßen der Kurstadt geschickt wird, sondern um ein Pilotprojekt, das womöglich einen Beitrag dazu leisten wird, den Straßenverkehr in Zukunft radikal zu verändern. Zunächst aber wird das Fahrzeug mit seinen türkis-blauen Steifen die Bewohner und Gäste in Bad Soden-Salmünster in Erstaunen versetzen, wenn es wie durch Geisterhand gesteuert fahrerlos durch die Kurstadt rollt. Der Name des Minibusses „Autonomes EASY-Shuttle“ ist weniger spektakulär als seine ersten Auftritte. EASY steht schlicht für Electric Autonomous Shuttle for You, ein Anglizismus, denn das Fahrzeug soll schließlich international Karriere machen.

          Luise Glaser-Lotz
          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Zusammengefunden für den Test haben sich fünf Partner: der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV), die Kreisverkehrsgesellschaft des Main-Kinzig-Kreises, das kreiseigene Busunternehmen Regionalverkehr Main-Kinzig GmbH, die Stadt Bad Soden-Salmünster und der Main-Kinzig-Kreis. Der Bus fährt auf öffentlichen Straße auf einem Rundkurs zu Haltestellen zwischen der Salztal-Klinik, der Spessart-Therme und dem Parkplatz-Festplatz.

          Noch keine Fahrgäste

          Noch dürfen darin keine Fahrgäste Platz nehmen, dagegen steht die Ansteckungsgefahr in der Corona-Pandemie. „Dass eines unserer EASY-Fahrzeuge nun in Bad Soden-Salmünster auf den gleichen Straßen fährt wie der Autoverkehr, ist eine weitere Premiere und ein großer Meilenstein für das gesamte Projekt“, sagt RMV-Geschäftsführer André Kavai. „Wir freuen uns, sobald es die Inzidenzen zulassen, mit dem regulären Fahrgastbetrieb zu beginnen.“

          Das von Kavai angesprochene RMV-Pilotprojekt soll die Technik des autonomen Fahrens voranbringen. Mit wechselnden lokalen Partnern untersucht der RMV in seinem Verbundbetrieb, wie und unter welchen Umständen sich autonome Fahrzeuge in den öffentlichen Nahverkehr eingliedern lassen. Bisherige Teststationen waren unter anderem der Frankfurter Mainkai, die Messe Hypermotion in Frankfurt und das Gelände der Helios-Kliniken in Wiesbaden.

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          Das Testfeld in Bad Soden-Salmünster ist dem Verkehrsunternehmen zufolge das erste, das auf öffentlichen Straßen liegt. Dem RMV-Tochterunternehmen rms, einer Servicegesellschaft, obliegt die Gesamtleitung, während die RMV-Tochter fahma die Fahrzeuge bereitstellt sowie sich um Genehmigungen und erforderliche Dienstleistungen kümmert. Wissenschaftlich begleitet wird das Pilotprojekt von der University of Applied Sciences Frankfurt.

          Hergestellt wurde das Fahrzeug nach Angaben des RMV von der französischen Firma Navya, die sich schon seit einigen Jahren auf die Fertigung von autonomen Fahrzeugen spezialisiert hat. Erste Fahrzeuge sind unter anderem in Frankreich, der Schweiz, in Österreich und auf der Insel Sylt in Betrieb.

          In Bad Soden-Salmünster wird der Fahrzeugtyp Arma DL3 eingesetzt. Der Bus bietet acht Sitzplätze und fährt selbständig auf der vorgegebenen Strecke, die er sich mit dem normalen Straßenverkehr teilt. Arma DL3 ist mit seinem Spitzentempo von elf Kilometern in der Stunde aber vergleichsweise langsam unterwegs.

          Sensoren sorgten dafür, dass das Fahrzeug Hindernisse erkennt, seine Geschwindigkeit verringert und wenn nötig anhält, beschreibt der RMV die Funktionsweise des Testfahrzeugs, das nicht nur Energie spart, sondern auch besonders leise unterwegs ist. Ganz ohne Personal kommte der Minibus allerdings nicht aus. Bei jeder Fahrt ist ein sogenannter Operator im Fahrzeug, der den Betrieb überwacht.

          Mobilität der Zukunft

          Das Projekt steht nach den Worten von Main-Kinzig-Landrat Thorsten Stolz (SPD) für die Mobilität der Zukunft. Sobald es die Infektionslage im Main-Kinzig-Kreis zulasse, sollen aus der Beförderung von Fahrgästen neue Erkenntnisse gewonnen werden, sagt er. Kreisverkehrsdezernent Winfried Ottmann (CDU) erkennt in dem Testbetrieb ein hohes Potential für den öffentlichen Nahverkehr.

          Mit dem ersten Langzeitbetrieb auf öffentlicher Straße im Rhein-Main-Gebiet werde eine wichtige Hürde für das Pilotprojekt genommen. Der Test schaffe wichtige Erkenntnisse, wie sich das Shuttle im öffentlichen Straßenverkehr verhalte, so Rüdiger Krenkel, Geschäftsführer der KVG Main-Kinzig mbH.

          Fünf Mitarbeiter der Regionalverkehr Main-Kinzig GmbH wurden laut Geschäftsführer Oliver Habekost zum Operator weitergebildet. Sie sollen als Begleiter im täglichen Betrieb Erfahrungen mit dem autonomen Fahrzeug und seinem Nutzen für den öffentlichen Nahverkehr sammeln.

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