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Physiker Walter Greiner : Der Blick in den Kosmos

Hat Einstein gar nicht recht? Der Physiker Walter Greiner in seinem Büro. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Er scheiterte am Gymnasium, später wurde er Professor. Heute ist der theoretische Physiker Walter Greiner 77 Jahre alt und hat den ganz großen Wurf im Kopf.

          Sein Büro hat Walter Greiner am Niederurseler Hang, auf dem naturwissenschaftlichen Campus der Goethe-Universität, im Frankfurt Institute for Advanced Studies. Neben seinem Schreibtisch hat er einen Stammbaum hängen. Er zeigt die Schüler Greiners, die Professoren sind: Fast 50 Wissenschaftler aus seiner Schule haben irgendwo in der Welt einen Lehrstuhl inne: an einer Universität in Deutschland, auch in Amerika, Indien, China. 100 weitere Studenten aus seinem Stall hat der Nestor der Frankfurter Physik promoviert.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Einer seiner besten Schüler war Horst Stöcker. Er leitet heute die Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt und baut gerade für 1,2 Milliarden Euro die neue Beschleunigeranlage Fair, die Physikern einmal Einblicke in den Aufbau der Materie und die Entwicklung des Universums liefern soll. Greiner ist einerseits stolz, dass sein Schüler eines der leistungsfähigsten physikalischen Forschungslaboratoriums der Welt leitet. Auf der anderen Seite lästert er gerne ein wenig darüber, dass Stöcker jetzt Wissenschaftsmanager und nicht mehr Grundlagenforscher ist.

          Das Universum ist heute größer als gestern

          Stammvater Greiner ist mit 77 Jahren in einem Alter, in dem man normalerweise keine Bäume mehr ausreißt. Er indes legt gerade mit seinem Schüler Peter Hess die Axt an eine stolze Eiche der modernen Astrophysik - an die Theorie des Urknalls. Am Anfang, so lautet die große Erzählung der heutigen Kosmologie, stand der Big Bang. Ausgangspunkt dieser Theorie ist die Expansion des Universums. Unser Weltall, so hat die Beobachtung ferner Galaxien ergeben, dehnt sich aus -und dies offenbar sogar mit immer größerer Geschwindigkeit.

          Wenn das Universum heute größer ist als gestern, dann ist es vorgestern kleiner gewesen als gestern und vorvorgestern noch kleiner, lautet die Schlussfolgerung der modernen Physik. Geht man ihr nach in die Vergangenheit weiter zurück, kommt man irgendwann zu dem Anfang, an dem die Welt unsagbar winzig war. Die Materie war zusammengepresst zu einem einzigen Schwarzen Loch, über welches die Physik keine Aussagen mehr zu treffen vermag. Die Wissenschaftler sprechen von einer Singularität.

          Greiner sägt an Einsteins Relativitätstheorie

          Dass die Physik an einen Punkt kommen soll, an dem sie nichts mehr sagen kann und abdanken muss, mag der Physiker Greiner nicht hinnehmen. „Der liebe Gott hat keine Singularitäten in seine Welt eingebaut“, scherzt er. Zusammen mit Peter Hess arbeitet Greiner an einer kosmischen Theorie, die den Urknall als Annahme und die damit verbundenen Schlüsse überflüssig macht. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Greiner damit an einem tragenden Stamm der modernen Physik sägt, an Albert Einsteins Relativitätstheorie.

          Diese sagt ein merkwürdiges Phänomen voraus: Wenn ein Riesenstern ausgebrannt ist und in sich zusammenfällt, wird seine Materie durch die Schwerkraft immer stärker und stärker zusammengepresst. Überschreitet die Dichte dieses Sterns eine kritische Grenze, entsteht ein Schwarzes Loch. Aus dieser Hölle kann auf ewig und immer nichts mehr entweichen, nicht einmal mehr Lichtstrahlen. Im Zentrum unserer eigenen Galaxie, der Milchstraße, gibt es offenbar ein solches Schwarzes Loch, sogar ein besonders großes mit einer Masse von drei Millionen Sonnen, wie der aus Bad Homburg stammende Astrophysiker Reinhard Genzel vor geraumer Zeit nachgewiesen hat.

          Gleichungen alleine beweisen noch gar nichts

          Greiners Theorie zufolge geht die Dichte von Materiezusammenballungen in einem solchen Schwarzen Loch oder beim zusammengepressten Universum-Punkt vor dem Urknall nicht gegen unendlich. Die Schwerkraft, welche die Materie immer stärker in sich zusammenfallen lässt, schlägt laut Greiner nach dem Überschreiten einer kritischen Grenze um in eine Anti-Schwerkraft. Diese entgegengesetzt wirkende Kraft lässt die unvorstellbar dicht zusammengepresste Materie wieder auseinanderbersten. Der Urknall vor knapp 14 Milliarden Jahren wäre also kein Anfang aus dem Nichts gewesen, sondern der Kipp-Punkt in einem sich wiederholenden Prozess der Ausdehnung und des wieder Zusammenfallens des Universums. „Unsere Welt war ewig da und pulsiert vor sich hin“, glauben Greiner und sein Schüler und Mitstreiter Peter Hess.

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