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Philosophische Beratung : In Hirngespinsten spazieren gehen

  • -Aktualisiert am

Mit philosophischem Hintergrund: Martin Mühl in seiner Praxis Bild: Michael Kretzer

Martin Mühl betreibt eine Philosophische Praxis in Wiesbaden. Zu ihm kommen Menschen, die sich mit einer Entscheidung schwertun und Lösungen ihrer Alltagsprobleme suchen.

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          Georg steht kurz vor dem Ruhestand. Jahrzehntelang beantwortete der Job ihm die Frage, wie er sein Leben gestalten sollte. Jetzt ist mit dem Berufsleben Schluss. Und nun? Irgendwann begeisterte ihn die Idee, nach Berlin zu ziehen. Er war oft da, mag die Stadt und wäre gerne Berliner. Aber kann er das? Will er sein vertrautes Umfeld verlassen? Georg hat Angst, in Berlin zu vereinsamen, und weiß nicht, wie diese Frage entschieden werden kann.

          Sie führt Georg in Martin Mühls Philosophische Praxis. Führt ihn mitten in die Einfamilienhaus-Siedlung an der Friedrich-Naumann-Straße nahe der Dilthey-Schule in Wiesbaden. Nur ein kleines Schild und eine noch kleinere Box mit Informationsblättern weisen auf die Praxis hin, die Mühl im Erdgeschoss seines Wohnhauses eingerichtet hat. Der hochgewachsene, hagere, 62 Jahre alte Philosoph, hat eine ruhige und klare Sprechweise. Auch wenn er die Geschichte von Georg erzählt, der eigentlich anders heißt.

          Mühl bietet eine „Selbstklärung“ an

          Wer sich wie Georg in dem hellen Raum mit den deckenhohen weißen Bücherregalen an den Wänden auf das schwarze Sofa setzt, ist nicht krank. Der promovierte Philosoph bietet auch keine Heilung. Seine Klienten sind deshalb aber nicht sorgenfrei. „Darf ich meine verwirrte Mutter gegen ihren Willen ins Pflegeheim geben, wenn es auch mit ambulanter Pflege in ihrem Zuhause einfach nicht mehr geht?“ oder „Darf ich meinen Partner nach so vielen Jahren verlassen?“. Beispiele wie diese nennt Mühl, wenn man ihn nach den Schwierigkeiten seiner Besucher fragt. Die meisten kommen, weil sie vor einem neuen Lebensabschnitt stehen und nicht wissen, wie sie ihn meistern sollen.

          Was Mühl ihnen anbietet, nennt er „Selbstklärung“. Die Schwierigkeiten und Entscheidungssituationen seien häufig komplex und diffus, aber immer beruhten sie auf Vorstellungen, sagt er. Das treffe auch auf moralische Fragen zu, wie im Fall der altersverwirrten Mutter, die nicht ins Pflegeheim möchte. Es seien Vorstellungen des Klienten von sich selbst, von anderen und von den Folgen seiner Entscheidungen. In Georgs Fall ging es um die Vorstellungen davon, wie sein Leben als Berliner aussähe, was er dort täte und wie er dort wohnte. „Das sind meist Hirngespinste, aber mit etwas anderem kann man nicht arbeiten, wenn man über seine Zukunft entscheiden will“, sagt Mühl.

          50 Minuten Beratung kosten 70 Euro

          Seine Arbeit zielt darauf ab, die Vorstellungen besser kennenzulernen, zu klären, was genau der Hilfesuchende will und was seine Gründe dafür sind. Hat er sie erst einmal klar vor Augen, fällt es leichter, die Entscheidung zu treffen und sie später mit gutem Gefühl zu tragen. Vorstellungen seien die gedanklichen Räume, in denen man sich in solchen Fällen bewege. „Meine Aufgabe besteht darin, sie zuzuspitzen und miteinander zu konfrontieren“, beschreibt Mühl seine Arbeit.

          So ging er auch mit Georg in dessen Hirngespinsten und Zukunftsphantasien vom Berliner Stadtleben spazieren. Warum könnte er einsam werden? Wie fand er sonst Kontakt zu anderen? Kann das in Berlin nicht auch funktionieren? Auf Mühls Fragen muss Georg Antworten finden. Dadurch wird das Bild seines Berliner Lebens schärfer. Es fällt ihm leichter zu erkennen, was widersprüchliche Vorstellungen und unberechtigte Sorgen sind. Die eigenen Gründe werden Georg klarer, wodurch er selbstsicherer wird. Am Ende verschwindet entweder der Zweifel daran, nach Berlin zu ziehen, weil die Bedenken aus der Welt geschafft wurden. Oder es verschwindet der Wunsch, ein Berliner zu sein, weil Georg erkennt, dass dieses Leben für ihn nicht wünschenswert ist.

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