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Das Verbraucherthema : 16.000 Euro für Pflege-WG

Pflege kostet Kraft: Angehörige bekommen seit diesem Jahr mehr Geld für die Auszeit. Bild: Ute Grabowsky/photothek.net

Für die Pflege gibt es seit Anfang des Jahres mehr Geld und bessere Angebote. Doch viele wissen nicht Bescheid. Das Verbraucherthema.

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          Mehr als jeder zweite von 205.000 Menschen in Hessen, die pflegebedürftig sind, wird von einem Angehörigen betreut. Viele von ihnen arbeiten durch - so lange, bis sie selbst am Ende ihrer Kräfte sind. Dabei gibt es die Möglichkeit zur Auszeit. Zum Jahreswechsel wurde mit dem Pflegestärkungsgesetz das Programm der Pflegekassen deutlich verbessert. Allein für Heimbewohner und Pflegebedürftige, die zu Hause leben, gibt es 2,4 Milliarden Euro mehr als bisher. Die Erhöhung des Pflegebeitrags macht dies möglich. Hinzu kommen bessere Angebote zur Entlastung der Angehörigen. Doch die nutzen Angehörige nach einer aktuellen Umfrage der Techniker Krankenkasse Hessen entweder nicht, oder sie kennen sie erst gar nicht. Das könnte auch daran liegen, dass sie die Regeln nur schwer verstehen - oder nicht deutlich genug dafür geworben wird. Hier ein grober Überblick über die Angebote, die über die aufgestockten Leistungsbeträge (Pflegegeld und Pflegesachleistung) hinausgehen.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Kurzzeit- und Ersatzpflege: Grundsätzlich hat ein pflegender Angehöriger zwei Möglichkeiten, um eine Auszeit zu nehmen. Entweder der Kranke wird zu Hause von einer Ersatzperson versorgt (das heißt auch Verhinderungspflege), oder der Patient kommt vorübergehend zur Kurzzeitpflege in ein Heim. Seit diesem Jahr kann eine Ersatzperson bis zu sechs Wochen (bisher vier Wochen) engagiert werden. Die Pflegekasse bezuschusst dies mit 1612 Euro (bisher 1550 Euro). Dieser Betrag kann um weitere 806 Euro aufgestockt werden aus noch nicht in Anspruch genommenen Mitteln für die Kurzzeitpflege. So viel Geld gibt es aber nur dann, wenn die Ersatzpflege eine Person übernimmt, die kein naher Angehöriger ist. Das Leistungspaket für die Kurzzeitpflege umfasst grundsätzlich 1612 Euro für Kosten. Neu seit diesem Jahr ist, dass Kurzzeit- und Ersatzpflege zusammengezogen werden können. Leistungsbetrag und die Zeit der Inanspruchnahme verdoppeln sich dann auf 3224 Euro und acht Wochen. In der Regel wird dieser Betrag aber nicht ausreichen, um sämtliche Kosten für die Kurzzeitpflege zu decken. Grundsätzlich kann Urlaub beliebig gesplittet werden. „Für den Erholungseffekt ist es aber durchaus sinnvoll, wenn ein längerer Urlaub am Stück genommen wird“, sagt ein Sprecher der AOK Hessen.

          Senioren-WG wird gestärkt

          Zusätzliche Betreuung: Angehörige haben jetzt die Möglichkeit, den Pflegealltag flexibler zu gestalten. Ohnehin erhalten pflegebedürftige Versicherte je nach ihrer Alltagskompetenz einen Grundbetrag für zusätzliche Betreuung (Vorlesen, Spaziergänge) in Höhe von 104 oder 208 Euro im Monat. Seit Januar kann darüber hinaus ein Teil der Pflegesachleistungen - das ist das Geld für die häusliche Pflege durch professionelle Dienstleister - umgewidmet und für solche Leistungen ausgeben werden, die pflegenden Angehörigen den Alltag erleichtern, wie etwa Gartenarbeit oder Hilfe beim Einkaufen. Ehrenamtlich arbeitende Personen, die in Vereinen und anderen karitativen Initiativen als Alltagsbegleiter tätig sind, sollen gegen ein Entgelt solche Aufgaben übernehmen. Doch das Vorgehen ist sehr bürokratisch. So muss zunächst die Kommune prüfen, ob die Voraussetzung bei einer Person vorliegt, solch eine Aufgabe zu übernehmen.

          Senioren-WG: Mit der Pflegereform werden neue Wohnformen wie Senioren-Wohngemeinschaften und Pflege-Wohn-Gemeinschaften gestärkt. Für betreute Wohngruppen gibt es seit diesem Jahr monatlich 205 Euro. Die Inanspruchnahme sei deutlich entbürokratisiert und vereinfacht worden, heißt es. Außerdem gibt es aus der Pflegekasse bis zu 16 000 Euro im Jahr für Umbaumaßnahmen, die die Pflegesituation erfordert, etwa verbreiterte Türen oder eine altersgerechte Dusche. Je Maßnahme und je Person gibt es 4000 Euro, maximal 16 000 Euro. Eine Person kann in einem Jahr nach Information der AOK Hessen unter Umständen auch zwei Anträge stellen, etwa dann, wenn sich die Pflegesituation verschlechtert und ein weiterer Umbau nötig wird. Regulär beantragt wird das Geld wie bei Kurzzeit- und Ersatzpflege bei der Pflegekasse der jeweiligen Krankenkasse.

          Bezahlte Pflegezeit und Familienzeit: Seit 1. Januar haben Arbeitnehmer einen Anspruch auf eine bezahlte Pflegezeit von zehn Tagen. Die Kosten (90 Prozent vom Nettoeinkommen) übernimmt die Pflegeversicherung. Wenn zehn Tage nicht reichen, kann sich ein Arbeitnehmer teilweise oder vollständig für bis zu sechs Monate vom Job freistellen lassen. Dafür hat jeder das Recht auf ein zinsloses Darlehen, das den Verdienstausfall wettmachen soll. Der Antrag auf Förderung ist beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben erhältlich. Zudem gibt es einen Anspruch auf 24 Monate Familienpflegezeit bei einer verbleibenden Mindestarbeitszeit von 15 Wochenstunden. Arbeitgeber müssen nicht mehr ausdrücklich zustimmen. Um Verdiensteinbußen auszugleichen, kann ebenfalls ein zinsloses Darlehen beantragt werden.

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