https://www.faz.net/-gzg-9mx5m

Pfand-To-Go : Frankfurt setzt auf Mehrweg-Kaffeebecher

  • -Aktualisiert am

Einfallsreich: Unternehmerinnen Marlene Haas und die aus Amerika per Skype zugeschaltete Claudia Schäfer Bild: Wonge Bergmann

In Frankfurt landen jährlich Millionen Kaffeebecher im Müll – oder nicht selten auch abseits davon. Mit einem Pfandsystem wollen zwei findige Geschäftsfrauen den Verbrauch nun reduzieren.

          Es ist ein eher ungewöhnliches Gespräch. Die eine Gesprächspartnerin, Marlene Haas, sitzt zwar ganz entspannt in ihrem Frankfurter Büro, die zweite trinkt ihren Kaffee aber gerade in den Vereinigten Staaten und ist per Skype zugeschaltet. Claudia Schäfer besucht in Amerika gerade ihren Bruder, baut dort allerdings jeden Morgen ihr Büro auf und arbeitet. Das sagt bereits recht viel über die Arbeitsmoral der beiden Initiatorinnen von Cup2gether aus: Sie stecken sehr viel Zeit in ihre Arbeit. Sonst wäre aber laut den beiden ihr Projekt auch nicht möglich gewesen.

          Marlene Haas und Claudia Schäfer haben rund um die Berger Straße in Bornheim ein Pfandsystem für Mehrwegbecher etabliert. Statt den Coffee to go in Pappbechern zu trinken, können die Bornheimer in bestimmten Cafés gegen Pfand einen Mehrwegbecher kaufen, den sie dann in einem anderen der teilnehmenden Cafés zurückgeben können. Das Projekt wurde vor mehr als einem Jahr begonnen und funktioniert. Und zwar so gut, dass es jetzt von der FES, der für die Abfallentsorgung zuständigen städtischen Entsorgungs- und Service GmbH übernommen und in ganz Frankfurt umgesetzt werden soll. Die Stadt erhofft sich, damit viel Müll zu vermeiden.

          Die Idee zu dem Projekt kam Claudia Schäfer vor einigen Jahren. Die 53 Jahre alte Unternehmerin ist bekennende Coffee-to-go-Trinkerin. Sie wollte, wie sie sagt, nicht so viel Müll produzieren aber auch nicht auf ihren Kaffee verzichten. „Ich wollte eine sexy Lösung finden, die auch der Umwelt guttut“, sagt Schäfer. Mit ihrer Idee eines Pfandsystems ging die Unternehmerin zur Frankfurter Umweltdezernentin. Rosemarie Heilig (Die Grünen) stellte dann den Kontakt zu Marlene Haas her.

          Umweltschutz darf etwas kosten

          Haas ist die Chefin des gemeinnützigen Unternehmens „Lust auf besser Leben“, mit dem sie bereits ein Projekt zur Vermeidung von Plastiktüten an der Berger Straße gemacht hatte. Die beiden Frauen verstanden sich wohl auf Anhieb. Beide sind Macherinnen. Beide sehr jung schon zu Unternehmerinnen geworden. Marlene Haas gründete direkt nach ihrer Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau ihr erstes Unternehmen und war noch nie bei jemandem angestellt. Claudia Schäfer arbeitete nach ihrem Studium in Kommunikationsdesign nur ein Jahr bei einer Agentur, bevor sie ihre eigene gründete, die sie bis heute leitet.

          Beide Frauen brachten aus ihren Arbeitsgebieten Expertise mit. Marlene Haas hatte bereits durch die vorherigen Nachhaltigkeits-Projekte ein passendes Netzwerk rund um die Berger Straße. Claudia Schäfer die Erfahrung im Eventmanagement und auch darin, Ideen zu verkaufen. „Mir war klar, so eine Aktion funktioniert besser, wenn sie Spaß macht“, sagt Schäfer. Deshalb gab es beim Startschuss gleich eine Aufgabe für die Bewohner der Berger Straße: Innerhalb von 90 Tagen mussten genug Cafés gefunden werden, die bei der Aktion mitmachen wollten. Es funktionierte.

          Außerdem hat die 29 Jahre alte Marlene Haas von ihrer Kollegin auch gelernt, dass sie darauf achten muss, nicht zu viel ehrenamtlich zu arbeiten. „Manche meinen, weil man für einen guten Zweck arbeitet, darf es nichts kosten, aber das stimmt nicht“, sagt Haas. „Natürlich darf Umweltschutz auch etwas kosten, es ist ein eigener Industrie- und Wirtschaftszweig geworden“, pflichtet ihr Claudia Schäfer über den Bildschirm bei.

          Ein Versuchslabor in Frankfurt

          Trotzdem sagen beide, sie hätten über 1000 Stunden Ehrenamt in die Mehrwegbecher-Aktion gesteckt. Ansporn habe ihnen das Ziel gegeben, das Pfandsystem später auf ganz Frankfurt auszuweiten. „Für uns ist die Berger Straße ein Versuchslabor gewesen“, sagt Claudia Schäfer. Hier wohne ein besonderer Menschenschlag. „Frankfurter Dickschädel, aber offen für Neues.“ So beschreibt Schäfer die Anwohner. Was hier funktioniert, funktioniere auch im Rest der Stadt. Auch Haas findet, die Gegend rund um die Berger Straße eigne sich besonders gut für solche Projekte. „Die Leute denken, in Bornheim sind ja eh alle grün. Aber sie kennen die Bevölkerungsstruktur hier gar nicht.“ Die beiden Unternehmerinnen erzählen dann, dass bei diesem Projekt sehr verschiedene Menschengruppen aus verschiedenen Milieus sich engagiert hätten. Manche suchten dann nach besonders billigen Cafés, damit auch dort das Pfandsystem eingesetzt wird, andere nach Orten, in denen es hochwertigen Kaffee gibt.

          Jetzt wird man bald sehen, ob ihre Theorie stimmt. Ob wirklich in ganz Frankfurt funktioniert, was an der Berger Straße losging. Die offizielle Verkündung, dass die FES das Projekt übernimmt, war laut Haas zwar ein komisches Gefühl, aber auch eine Erleichterung. Claudia Schäfer beschreibt das Projekt etwas wehmütig als „ein Kind, dem man den Schulranzen gibt und sagt: Jetzt geh mal alleine“. Allerdings werden beide noch in beratender Funktion in das Projekt eingebunden sein, müssen das Kind also nicht ganz loslassen.

          Das bedeutet natürlich nicht, dass die beiden künftig weniger Arbeit haben werden. Im Moment versuchen sie bereits mehr Vereine dazu zu bringen, bei Veranstaltungen ihre Mehrwegbecher auszuleihen. Außerdem planen sie zusammen bereits neue Projekte. Eins ist sicher: Die beiden Unternehmerinnen halten nicht still.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der britische Justizminister David Gauke

          Wegen Johnson : Britischer Justizminister kündigt Rücktritt an

          Sollte Boris Johnson Premierminister werden, will David Gauke sein Amt niederlegen. Ein No-Deal-Brexit, wie ihn Johnson verfolge, bedeute seiner Meinung nach eine nationale „Demütigung“, die er nicht unterstützen könne.
          Feierliches Rekrutengelöbnis und Gedenken an den Widerstand gegen das NS-Regime

          Wegen Sicherheitsbedenken : Bundeswehr weist extremistische Bewerber ab

          Seit 2017 wird jeder potentielle Neusoldat durchleuchtet. Von mehr als 43.000 Bewerbern sind bisher 63 abgelehnt worden, darunter Neonazis, Islamisten und andere „Gewaltbereite“. Es gibt eine Vermutung, warum es nicht mehr sind.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.