https://www.faz.net/-gzg-9cq2y

Musiker der HR-Bigband : Hier am Klavier, dort am Saxophon

  • -Aktualisiert am

Komponieren kann er auch: Peter Reiter bei einer Probe der Bigband im Sendesaal des Hessischen RUndfunks Bild: Helmut Fricke

Der Pianist Peter Reiter betreibt am Flügel harmonische Grundlagenforschung für das Ensemble der HR-Bigband, besitzt aber noch mehr musikalische Talente.

          Was für ein grandioser Pianist Georg Solti doch geworden wäre, wenn er der möglichen Karriere eines Klaviervirtuosen nicht die Laufbahn eines Dirigenten vorgezogen hätte. Viele inspirierende musikalische Gedanken wären von Alfred Brendel als Musikphilosoph noch zu erwarten gewesen, wenn er nicht viel lieber Klavier gespielt hätte. Ein verkappter Jazzmusiker steckt in James Levine. Ihn reizte es allerdings mehr, musikalischer Direktor der Metropolitan Opera in New York zu werden, anstatt den Synkopen Scott Joplins dauerhaft eigene Jazzrhythmen entgegenzusetzen. Bobby McFerrin kennt man als erfolgreichen Pop- und Jazz-Sänger. Aber dass er auch Sinfonieorchester dirigieren kann, hat er – ohne diese Fähigkeit auszubauen – gelegentlich mit den Philharmonikern von Los Angeles bewiesen.

          Ganze Seiten könnte man mit der Aufzählung musikalischer Mehrfachbegabungen füllen. Die Musikwelt ist ärmer, weil die Künstler sich oft entscheiden müssen, welche ihrer vielen Neigungen sie zu unterdrücken haben. Für mehr als eine von ihnen scheint in den vierundzwanzig Stunden eines Tages und inmitten der Spezialisierungszwänge des musikalischen Marktes meist kein Platz zu sein. Auf viele Musiker der HR-Bigband trifft das ebenfalls zu, für einen jedoch ganz besonders: den Pianisten Peter Reiter. Der Mann, der meist so stoisch wie ein Buddha am Flügel sitzt und von dort aus alles musikalische Geschehen im Blick hat, ohne dabei im Mittelpunkt zu stehen oder ihn gar einnehmen zu wollen, besitzt eine ganze Reihe bemerkenswerter musikalischer Fähigkeiten.

          Bestens ausgebildet und vielseitig interessiert

          Fast grimmig besteht er allerdings darauf, kein Multiinstrumentalist zu sein, auch wenn er gelegentlich, etwa im Trio oder Quartett, auf dem Saxophon zu hören ist und – wie er selbst sagt – auch Bass oder Schlagzeug spielen könnte, wenn gerade kein „diplomierter“ Instrumentalist anwesend wäre: „Ein Multiinstrumentalist beherrscht viele Instrumente. Ich beherrsche überhaupt kein Instrument, bin aber in der Lage, auf verschiedenen Instrumenten Musik zu machen.“ Man könnte solche Aussagen als Koketterie abtun. Reiter, ein bestens ausgebildeter, stilistisch nicht nur auf den Jazz festgelegter Pianist jedoch, ist viel zu selbstkritisch, als dass er seine Fähigkeiten überbetonen oder listig untertreiben würde. Im Übrigen hat er ja recht, wenn er auf der angemessenen Terminologie besteht, in der das Beherrschen eines Instruments eben nur als Metapher taugt.

          Eingespielt: Peter Reiter ist Pianist der HR-Bigband seit 1996 und festes Mitglied des Ensembles seit 1999.

          Natürlich erfüllt Reiter all die unterschiedlichen stilistischen Anforderungen, die an ihn als Pianisten der HR-Bigband seit 1996 und festes Mitglied des Ensembles seit 1999 gestellt werden. Er erfüllt sie gerade auch deshalb, weil er so vielseitig interessiert ist, im Alter von sechs Jahren Klavierunterricht erhielt, mit zwölf schon regelmäßig in der Kirche Orgel spielte, dann Fagott studierte und in der Badischen Staatskapelle Karlsruhe einen festen Platz einnahm, als er sich darauf besann, ein Jazzstudium in Köln bei Francis Coppieters anzuschließen, mit dem er schließlich sein schon früh ausgeprägtes Jazzinteresse in einen dauerhaften Beruf münden ließ.

          Eindrucksvolle Breite seiner Interessen und schöpferischen Ideen

          Eine wesentliche Begabung aber kann Reiter selbst in der breit ausgerichteten HR-Bigband nicht ausleben: die eines Komponisten, nicht nur im Jazz, sondern auch in der Klassik und dem, was sich zwischen oder jenseits dieser Genregrenzen abspielt. Er hat dramaturgisch eindringliche Musik zu Stummfilmen wie Raoul Walshs frühem Gangsterthriller „Regeneration“ von 1915 und Anthony Asquiths düster-tragischer Kriminalstory „A Cottage On Dartmoor“ von 1929 geschaffen, die auf subtile Weise Landschaften, Bilder und Szenen in raffinierte Klänge übersetzen. Er schrieb „Lili Marleen“, eine Jazzsuite für Combo und Sopran, eine Folge dichter Charakterstücke, in der Zeitdokumente wie politische Reden und Kriegserklärungen musikalisch ausgedeutet wurden. Eine Symphonie „Die vier Elemente“ für großes Orchester und Jazzquartett, zahlreiche kontrapunktisch komplexe Chorwerke einschließlich einer Jazzmesse sowie Psalmvertonungen und Adaptionen von Ufa-Schlagern aus den dreißiger Jahren zeugen von der eindrucksvollen Breite seiner Interessen und schöpferischen Ideen.

          Der Melodienreichtum Puccinis hat ihn zudem dazu inspiriert, eine Ballettsuite für Bigband nach Motiven der Oper „Tosca“ zu schreiben, die 2010 mit der HR-Bigband für das Radio produziert wurde, wobei Reiter die Gesangsrollen effektvoll bestimmten Instrumenten zuordnete. Dass man „E lucevan le stelle“, die schönste Arie auf der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert, ohne Verlust an Sinnlichkeit als fein ausgehorchten Jazzdialog auf ein singendes Klavier und ein lyrisch aufblühendes Tenorsaxophon übertragen kann, würde man kaum für möglich halten. Reiter ist es gelungen: Belcanto für Instrumentalstimmen. Allein deswegen wäre es lohnend, das traumhafte Werk einmal für ein repräsentatives Label einzuspielen und öffentlich zugänglich zu machen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Brexit-Debakel : Jetzt wird der Brexit lästig

          Nach der Chaos-Woche in London steht die britische Regierung jetzt endgültig im Regen. Doch politisch sind viele Akteure Lichtjahre voneinander entfernt. Wie lange noch?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.