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Peter Härtling in Bad Homburg : Das Jahrhundert des Flüchtlingskindes

  • -Aktualisiert am

Wortmächtig: Ministerpräsident Volker Bouffier (links) ehrt Peter Härtling, hinten Laudator Gerhard Kurz. Bild: Cornelia Sick

Peter Härtling wird in Bad Homburg mit dem Hessischen Kulturpreis ausgezeichnet. Der Autor der „behutsamen Empathie“ spricht deutliche Worte zum Elend der Kinder.

          Der Wanderer hat eine Spur hinterlassen. In den Boden der Bad Homburger Schlosskirche ist eine Bronzetafel eingelassen, auf die Peter Härtling an diesem Freitagabend von der ersten Reihe der Gäste aus freien Blick hat. Sie zeigt die ersten Zeilen der Patmos-Hymne von Friedrich Hölderlin. Es sind die Abgrundzeilen vom nahen Gott, der schwer zu fassen ist, und von der Rettung, die wächst, wo Gefahr ist. Die Verse lassen sich, wie so vieles, was Hölderlin betrifft, in eine Beziehung zum Werk Härtlings setzen, der in der Kirche des Landgrafenschlosses den Hessischen Kulturpreis erhält.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Hölderlin, dem verloren zwischen Frankfurt und Bad Homburg hin und her streifenden Wanderer, hat Härtling eine seiner Romanbiographien gewidmet, aus der er zum Ende des Abends den Abschnitt über die Flucht des Dichters aus dem Frankfurter Haushalt der Gontards liest. Hölderlin ist gegenwärtig aber auch in einem der autobiographischen Romane Härtlings, in denen der Schriftsteller seinem Leben als Kind von Krieg und Flucht nachgespürt hat. „Der Wanderer“ ist 1988 erschienen und durchzogen von der romantischen Klaviermusik, die in der Schlosskirche zwischen den Reden erklingt. Schubert, Schumann. Auch über sie gibt es Romane, in denen Härtling den Lebensspuren der Künstler nachgeht. Für sein eigenes Werk, für die Kunstspuren, die er seinem Leben als Wanderer durch Erinnerungen und Beobachtungen abgetrotzt hat, wird er mit der Auszeichnung geehrt, die das Land Hessen mit einem Preisgeld von 45.000 Euro ausgestattet hat und seit 1982 vergibt.

          „Mitredend und gegenredend“

          Die Gefahr, darauf kommt Härtling in seinen Dankesworten für die Zuerkennung des Preises noch einmal zu sprechen, war da. Auf der Flucht von Böhmen über Österreich nach Schwaben musste er mit seiner Tante eine Reihe hastig angelegter Gräber am Straßenrand passieren, in denen gefallene Soldaten verscharrt worden waren. Aus den Gräbern roch es. Es ist eine Szene, an die Härtling sich gut erinnert. Manchmal laufe er im Traum an derselben Stelle vorbei: „Die Toten bewegen sich.“ Woher dem Kind, das ein Jahr nach Kriegsende Vater und Mutter verloren hatte, die Rettung kam, erwähnt Härtling nicht. Aus sich selbst, sagt sein Leben. In der schwäbischen Hölderlin-Stadt Nürtingen wurde aus der 13 Jahre alten Waise ein junger Journalist und Dichter, später ein Zeitschriftenredakteur, ein Verlagslektor, der Sprecher der Geschäftsführung des Fischer Verlags in Frankfurt und schließlich, vor genau 40 Jahren, der freie Schriftsteller. Härtling hat, wie Ministerpräsident Volker Bouffier es in seiner Begrüßung formuliert, so ziemlich alles getan, was man mit Wörtern machen kann.

          Auf welche Weise der Schriftsteller, der am Donnerstag 81 Jahre alt wird, es gemacht hat, beschreibt der Gießener Germanist Gerhard Kurz in seiner Laudatio. Härtling nähere sich den Figuren seiner Romane, Erinnerungsbände und Kinderbücher mit einer Haltung „behutsamer Empathie“, „mit Distanz, in dem Versuch, mit ihnen ins Gespräch zu kommen“. Diese Haltung ist es auch, die den Moderator der Sendung „Literatur im Kreuzverhör“, die der Hessische Rundfunk seit 39 Jahren ausstrahlt, zu dem gemacht hat, was Kurz einen „leidenschaftlichen Nahebringer der Literatur“ nennt: „Ich kenne keinen zeitgenössischen Autor, der den Leser so ernst nimmt wie Peter Härtling.“ Kurz erwähnt auch den skeptisch engagierten Schriftsteller, der sich gegen die Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit einsetzte, in den sechziger Jahren politisch engagierte, evangelischen Synoden angehörte und Anfang der Achtziger gegen den Bau der Startbahn West protestierte: „Mitredend und gegenredend hat er als entschiedener Bürger die Geschichte der Bundesrepublik bis heute begleitet.“ Da fällt dem Laudator das Fazit leicht: „Sie sind ein Glücksfall für uns Leser und für unser Land.“

          „Fromme Wünsche. Unerfüllbar.“

          Aber der skeptisch Engagierte kann auch ironisch sein. Härtling, seit 1967 in Mörfelden-Walldorf zu Hause, bedankt sich für die Auszeichnung mit einer Rede auf die Gegenwart, die, wenn alles gutgehe, viele Heimaten erlaube, in der, wenn es schlecht laufe, die Fremde aber noch immer zunehmen könne. Er verweist auf ein Buch, durch dessen Lektüre er sich schon früh herausgefordert gefühlt habe - „Das Jahrhundert des Kindes“, auf Deutsch im Jahr 1902 bei Härtlings altem Arbeitgeber S. Fischer erschienen. Verfasst worden ist es von der schwedischen Reformpädagogin Ellen Key, die von einem neuen Jahrhundert träumte, in dem die Erwachsenen es den Kindern ein wenig besser machen würden, indem sie sie ernst nähmen und sich ihnen zuwendeten.

          „Fromme Wünsche“, sagt Härtling dazu. „Unerfüllbar.“ Was stattdessen geschah, erwähnt er auch: „Die Erwachsenen spielten nicht mit den Kindern, sie spielten ihnen mit.“ Schlimm sei es für die Kinder im 20. Jahrhundert gewesen, fasst er zusammen. „Schlimmer in diesem“, setzt er hinzu. Hat außer ihm schon jemand das noch junge Jahrhundert schlimmer genannt als das alte? Aber wohl jeder im Saal weiß, was Härtling meint, wenn er von den Kindern erzählt, deren Bilder er in den Fernsehnachrichten sieht, „die geplagten Zeugen unserer Krisen“, Kinder wie im Irak und in Syrien, die Augen, das Gesicht, der Körper gezeichnet von Krieg, Gewalt und Flucht. Er spricht mit der Autorität dessen, der sich erinnert: „In ihre ahnungslosen Seelen fielen entsetzliche Bilder.“ Und fügt hinzu: „Sie werden ihr Leben lang davon träumen - ich weiß es.“

          So beobachtet er die Nachrichtenbilder und denkt beim Anblick der Kinder zurück. Er frage sich: „Kommen sie, Heimaten streifend, zu Hause an? Zu wünschen wär’s - im Jahrhundert des Flüchtlingskindes.“

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