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Peter Feldmann : Der Bedächtige

Liebt Gestik und Dreiteiler: Peter Feldmann Bild: Eilmes, Wolfgang

Peter Feldmann hat einen langen Lauf bis ins Oberbürgermeister-Amt von Frankfurt hinter sich. Als Vorbild diente ihm Andrea Ypsilanti, seine Partei hat ihn erst am Ende unterstützt.

          Sie haben ihn nicht wachsen sehen. Weder Mitstreiter noch Gegner. Deshalb war der Jubel unter den Genossen am Wahlabend so groß. Und die Fassungslosigkeit bei der CDU gewaltig. Entgeistert starrte ein führender Politiker der Frankfurter Union am 11. März im Römer-Foyer auf eine Leinwand, auf der zu diesem Zeitpunkt für Feldmann deutlich mehr als 34 Prozent angezeigt wurden. „Wo hat dieser Typ die ganzen Stimmen her?“

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Feldmann hat das Talent, vielen Menschen auf die Nerven zu gehen. In der SPD-Fraktion im Römer ist er nicht besonders beliebt, die Landespartei um den Vorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel suchte seine Kandidatur zunächst zu verhindern. Feldmann tritt immer äußert beherrscht auf, spricht betont langsam, um jedem Wort ein besonderes Gewicht zu geben. Nicht jeder hat das Gefühl, dass der Inhalt die Form rechtfertigt. Hinzu kommt, dass Feldmann hartnäckig ist, böse Zungen sagen auch penetrant.

          Eloquenz und auch Charme

          Es ist nicht so, dass das Feldmann verborgen geblieben wäre. Er hat sich von den Anfeindungen nicht irritieren lassen, sondern an seine Chance geglaubt und sie mit beeindruckender Unbeirrbarkeit verfolgt. Seine politischen Anfänge liegen in seiner Jugend, als er es bis zum Stadtschulsprecher brachte. Weggefährten jener Zeit bescheinigen Feldmann Eloquenz und auch Charme. Der weitere Werdegang hat die Hoffnungen des ehrgeizigen Mannes vielleicht nicht ganz erfüllt. Neben der kommunalpolitischen Karriere war er unter anderem Leiter eines Jugendzentrums in Bonames, wo er auch aufgewachsen war. Vor einigen Jahren übernahm der Politologe und Betriebswirt die Leitung eines Altenhilfezentrums, mittlerweile ist er in der Stabsstelle der Arbeiterwohlfahrt tätig.

          Es spricht für Feldmann, dass er von seinem Privatleben nur preisgibt, eine kleine Tochter zu haben. Es ist jedoch nicht nach jedermanns Geschmack, dass Feldmann seine Herkunft aus kleinen Verhältnissen wie eine Monstranz vor sich herträgt. Er sei in einem Hochhaus großgeworden, sagt er im Wahlkampf bei jeder Gelegenheit. Und vergisst nie hinzuzufügen, er wisse, „wie es dort riecht und schmeckt“. Inzwischen habe er es zum „Reihenhäusler“ gebracht, fährt er stets fort. Man weiß dann nicht genau, ob er auf diesen Aufstieg ein bisschen stolz ist oder ob das entschuldigend gemeint ist. Die Dreiteiler, die er gern trägt, weisen darauf hin, dass es für ihn gern auch noch höher hinaus gehen kann.

          Vor gut zwei Jahren fiel Beobachtern auf, dass sich Feldmann in der Stadt bekannter zu machen suchte. Plötzlich erschien er auf Veranstaltungen, die nicht zu seinem Tätigkeitsfeld gehörten, etwa auf dem Neujahrsempfang der Immobilienbranche in der Oper. Auch sonst kümmerte er sich intensiv um die Vermittlung neuer Kontakte. Es war die Zeit der Ypsilanti-Euphorie und der anschließenden Depression in der Sozialdemokratie. Dieses spannende Jahr hatte eine Lehre und eine Chance für Feldmann parat.

          Er dehnte Pausen

          Die Lehre lautete, dass auch wenig charismatische Bewerber von der Parteilinken eine Chance haben, von der SPD für ein wichtiges Amt nominiert zu werden, wenn sie hartnäckig darum kämpfen. Und dass sie mit der Herausforderung wachsen können, wie die in den Auseinandersetzungen erst mit Jürgen Walter und dann mit Roland Koch immer souveräner agierende Ypsilanti bewies. Die Chance für Feldmann lag in der katastrophalen Lage, in der sich die SPD nach dem Scheitern Ypsilantis befand. Es war klar, dass sich die Partei schwertun würde, prominente Auswärtige zu einer Kandidatur in Frankfurt zu bewegen. Just zu jener Zeit war unübersehbar, dass Feldmann an seiner Rhetorik gearbeitet hatte. Er setzte die Hände sehr stark ein, um seine Worte mit Gesten zu untermalen. Er dehnte Pausen, wurde an manchen Stellen sehr laut. Das Künstliche dieser Rhetorik hat er in den vergangenen Monaten teilweise abgelegt. Der erfolgreiche Wahlkampf hat ihn souveräner gemacht.

          Überhaupt war Feldmanns Wahlkampf vorzüglich. Er hat sich mit voller Kraft engagiert und mit ihm offenkundig die ganze Partei. Die SPD hat nicht nur für Feldmann gekämpft, sondern viel mehr noch für ihre letzte Chance, sich als zweitgrößte Partei zu behaupten. Wäre Feldmann als dritter hinter Rhein und Rosemarie Heilig von den Grünen durchs Ziel gegangen, hätten sich die Grünen als maßgebliche Partei auf der Linken etabliert, zumindest in Frankfurt, bald aber vielleicht auch in Hessen. Weil die Landespartei wusste, worum es geht, hat sie Feldmann starke Unterstützung zukommen lassen.

          Vor Auseinandersetzungen mit den Dezernenten

          Feldmann selbst hat keine Fehler gemacht. Er hat sich auf wenige einprägsame Forderungen konzentriert und sie immer wiederholt. Diesmal handelte es sich um eine Penetranz, die notwendig ist, um in breiten Kreisen der Bevölkerung wahrgenommen zu werden. Feldmann war zudem klug genug, nur positive Formulierungen zu verwenden. So konnte er jedem das Gefühl geben, seine Anliegen zu vertreten. Beim Werben um die Unterstützung der ausgeschiedenen Parteien in der Stichwahl hat ihm das genutzt.

          Als Oberbürgermeister muss er andere Saiten aufziehen. Um in den absehbaren Auseinandersetzungen mit den Dezernenten der schwarz-grünen Koalition zu bestehen, wären nicht nur Durchhaltevermögen, sondern taktisches Geschick und Konfliktbereitschaft gefragt. Feldmann würde sagen, er könne auch das lernen.

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