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Minka Pradelski : Frankfurter Gesichter

  • -Aktualisiert am

Sie nennt es ihr Lebensthema. Seit gut zwanzig Jahren läßt es sie nicht mehr los - seit sie bei einem Projekt des Sigmund-Freud-Instituts mitmachte, bei Interviews mit Überlebenden der Schoa zuhören konnte.

          Sie nennt es ihr Lebensthema. Seit gut zwanzig Jahren läßt es sie nicht mehr los - seit sie bei einem Projekt des Sigmund-Freud-Instituts mitmachte, bei Interviews mit Überlebenden der Schoa zuhören konnte. Jetzt gibt Minka Pradelski selbst Interviews - über ihr literarisches Erstlingswerk und Frau Kugelmann, die darin Stunden über Stunden Zippy, einer wildfremden, jungen Frau, von einer Kleinstadt in Polen vor der Vernichtung erzählt. Vielgelobt ist der Roman. Natürlich freut sich seine Verfasserin über den Erfolg. Aber sie bleibt bescheiden: „Er gibt mir Mut.“

          Auch von Angesicht zu Angesicht erzählt Minka Pradelski in ihrer wunderbar unaufgeregten Art. Davon, was es bedeutete, in den fünfziger Jahren die einzige Jüdin in der Klasse zu sein, und was sie dabei empfand, als der Lehrer ausgerechnet ihr auftrug, die Todesfuge von Paul Celan zu lesen. Damals fehlten ihr die Worte zum Widerspruch. Heute kann sie die Worte setzen.

          Jüdische und nichtjüdische Freunde

          Die zweite Generation schreibt über das Schweigen der ersten: Minka Pradelski wurde 1947 in einem Lager im Frankfurter Stadtteil Zeilsheim geboren. Die Eltern waren aus Polen hier gestrandet, der Vater hatte das Ghetto Lodz überlebt, die Mutter war „auf arischen Papieren“ als blonde Christin durchgekommen. Sie saßen im Wartesaal Deutschland. Erst 1952 verließen sie ihn in Richtung New York, die Eltern und die drei Töchter mit roten Handtäschchen und in karierten Hosen, weil das als „amerikanisch“ galt. Es ging weiter nach Montreal, aber auch da faßte der Vater, ein Strumpffabrikant, nicht Fuß. Also wieder zurück nach Frankfurt, wo die Familie lange auf gepackten Koffern lebte. Bis sie endgültig blieb.

          Erst auf eine nichtdeutsche Schule, dann doch auf die Elisabethenschule, danach das Soziologie-Studium in den Hoch-Zeiten der Achtundsechziger-Bewegung. „Ich war auf jedem Teach-in.“ Die Eheschließung und ein Ausflug nach München folgten, aber Minka Pradelski zog es mit ihrem Mann zurück an den Main ins „metropolitan village“, wo sie nun ungezählte Freunde hat, jüdische und nichtjüdische. „Ich kann auf keinen Kreis verzichten.“

          „Ich versuchte, den Faschismus zu verstehen“

          Und begann mit ihrem „Lebensthema“: „Nachwirkungen massiver Traumatisierungen bei jüdischen Überlebenden der NS-Zeit“ hieß ebenjenes erste Kapitel dazu am Sigmund-Freud-Institut. „Ich versuchte, den Faschismus zu verstehen.“ Weitere Kapitel lauteten: Öffentlichkeitsarbeit für die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland und - eine lange ehrenamtliche Mitarbeit in Steven Spielbergs Shoa Foundation.

          Da hat sie - wie ihre Romanfigur Zippy - stundenlang zugehört, einer älteren Dame etwa, die bis dahin niemand nach ihren Schrecken des Holocaust gefragt hatte: „Da saß jemand, der vergessen wurde.“ Mittlerweile wünscht sich Pradelski jemanden, der nun ihr alles über ihre Familie erzählt. Eine Frau Kugelmann aus Frankfurt, sagt sie - und lacht. Minka Pradelski lacht viel. Das verraten die Fältchen um die Augen. Ihre Spur ist aber längst nicht so tief wie ihr Humor.

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