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: Johannes Cordes macht Gummibärchen-Kunst

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Alles fing mit einem Mißgeschick an. Johannes Cordes hatte für einen Kunden einen Bilderrahmen gebaut. Aber als er damit fertig war, stellte sich heraus: Der Rahmen war zu groß. Während sich Cordes in seinem Nürnberger Atelier ärgerte, fiel sein Blick auf den Arbeitstisch.

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          Alles fing mit einem Mißgeschick an. Johannes Cordes hatte für einen Kunden einen Bilderrahmen gebaut. Aber als er damit fertig war, stellte sich heraus: Der Rahmen war zu groß. Während sich Cordes in seinem Nürnberger Atelier ärgerte, fiel sein Blick auf den Arbeitstisch. Dort lagen der nutzlos gewordene Rahmen und eine angebrochene Tüte Gummibärchen. "Witzig", dachte sich Cordes, "die Bärchen passen irgendwie gut zu dem Rahmen." Und so legte er kurzerhand aus den Bärchen ein Bild, schnitt ein Passepartout und stellte das Werk ins Schaufenster seines Rahmen-Studios. "Das sollte ein Gag sein. Ich habe nie gedacht, daß eine solche Sache daraus wird", sagt Cordes heute. Ein paar Tage später war der Gag verkauft. Und seitdem hat sich einiges geändert im Leben von Johannes Cordes, 1955 geboren in Haren an der Ems.

          Am 10.Juni um 20 Uhr wird er im Frankfurter Metropolis-Kino eine Ausstellung eröffnen. Mittlerweile sind seine Bärchen-Bilder größer geworden. Mindestens 3200Stück der kleinen Fruchtgummis braucht Cordes für jedes seiner Bilder - mitunter sind es aber auch schon mal doppelt so viele. Eigentlich mag Cordes Gummibärchen gar nicht, zumindest nicht zum Essen. Die Pop-Art dagegen, die mag er schon. Deshalb kam er damals auch auf die Idee, Andy Warhols Marylin Monroe aus Gummibärchen zu legen. Seine Freunde hatten mit dem Kopf geschüttelt, aber als das Bild fertig war, staunten sie. "Bärilyn", so taufte er seinen Erstling.

          Demnächst will Cordes nach Frankfurt ziehen. In einem provisorischen Arbeitsraum in Dreieich liegt eine fertige Bärilyn auf dem Holztisch, über ihr baumelt eine Papiergirlande aus Bärchen - Relikt der jüngsten Sortier-Party. Cordes hat von der Firma Haribo, die ihn auch als Sponsor unterstützt, 500 Kilogramm geschenkt bekommen. Er zeigt Fotos, wie er und die Freunde und deren Kinder die Bärchen nach Farben sortieren. Eine zweite Bärilyn lehnt an der Wand, verdeckt von einem Laken. Cordes fährt mit der flachen Hand über die hubbelige Bärchen-Oberfläche. "Da muß man so drübergehen."

          Die einzelnen Bären färbt Cordes ein, indem er ihre Rückseite bemalt. Anschließend legt er sein Bild. Ist es fertig, überträgt er es, Bär für Bär, auf eine andere Platte und klebt alles fest. Am Schluß kommt noch eine Lackschicht über die Gummibärchen. Eßbar sind sie dann nicht mehr, dafür aber haltbar. 100 bis 240 Stunden braucht er für ein Bild, und erst, wenn nach zwei Tagen alles getrocknet ist, er das Bild aufstellt und sich ein paar Meter davon entfernt, erst dann sieht er, ob es auch etwas geworden ist. Vor einem Dali-Porträt blieb er zwei Stunden lang stehen, mit der Sektflasche in der Hand.

          Auf seinem Weg vom Rahmenbauer zum Bärchenkünstler hat Cordes oft der Zufall geholfen. Nachdem er seine erste Bärylin geklebt hatte, bewarb er sich 2003 für die Frankfurter "Ambiente" und bekam sofort einen Stand. Dort traf er dann, wieder ein Zufall, den Veranstalter der Schau über den Surrealisten Salvador Dali in Bruchsal. Monate später rief der Geschäftsmann bei Cordes an und fragte ihn, ob er einige Bilder zu dieser Ausstellung beisteuern wolle. Cordes wollte. "Ich habe die Reaktionen der Leute mitbekommen", erinnert er sich, "die kamen in den Raum und riefen ,Hach, das sind ja Gummibärchen'." Während er erzählt, stellt er die Überraschung der Besucher nach, als sie seine "Dalis" und die anderen Arbeiten sahen. Es folgten weitere Ausstellungen, Galerien fragten an, Cordes verkaufte seine Bärchenbilder sogar ins Ausland - 2500 Euro kostet das günstigste. Auch zu der Ausstellung in Frankfurt kam Cordes durch einen zunächst unerfreulichen Zufall. Ein Kunde hatte ein Bild bestellt, das Filmplakat zu "Metropolis", sprang dann aber ab. Auf der Suche nach neuen Interessenten traf Cordes Stefan Burger, den Leiter des Metropolis.

          Viele zukünftige Bilder hat Cordes schon im Kopf: Oscar Schlemmers Bauhaustreppe, Keith Haring. Die Frage, ob er Bärchen klebt, weil er nicht malen kann, findet er gemein, nimmt sie aber mit Humor. Seine Bärchenbilder seien Kunst und Handwerk und, ja, gefällig, sagt der gelernte Typograph und Sohn eines Seemanns. Die Hamburger Kunsthochschule hatte ihn abgelehnt, einige Jahre war er als Straßen-Bilderverkäufer durch Deutschland gezogen, bevor er sich in Nürnberg mit seiner Galerie niederließ, die er nun, wegen der Bärchen-Erfolge, aufgegeben hat. Mit der Zeit will er sich an härtere Themen herantrauen, an eigene Motive. Er malt auch, "mittlerweile bin ich aber bei den Bärchen zu Hause". Optimistisch, was zukünftige Erfolge angeht, ist er allemal. "Das wird klappen, fertig."

          HENRIKE ROSSBACH

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