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: Frankfurter Gesichter: Thomas Regehly

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Auch Philosophen können ein gesundes Verhältnis zum Geld entwickeln. Das bewies schon Thales, als er sämtliche Ölpressen von Milet mietete, um ein Vermögen mit der Olivenernte zu machen. "Auch Schopenhauer ...

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          Auch Philosophen können ein gesundes Verhältnis zum Geld entwickeln. Das bewies schon Thales, als er sämtliche Ölpressen von Milet mietete, um ein Vermögen mit der Olivenernte zu machen. "Auch Schopenhauer hat erfolgreich mit Staatsanleihen spekuliert, um sein Erbe zu unserem Vorteil zu vermehren", weiß Thomas Regehly, der nicht nur die Hinterlassenschaft des Frankfurter Philosophen archiviert und Homer im Urtext liest, sondern als Risk Controller der Dresdner Bank mittlerweile sogar die Hermeneutik des finanzwirtschaftlichen Fachchinesisch beherrscht. "Für einen Philosophen sind eben alle Aspekte der Realität bedeutsam", sagt er und fügt schmunzelnd hinzu: "Für einen Vater dreier Kinder ist ein regelmäßiges Einkommen auch was Schönes."

          Als Banker überwacht Regehly tagsüber die sogenannten Contrahenten Limite, als Leiter des Philosophischen Kolloquiums und Vorstandsmitglied der Schopenhauer Gesellschaft organisiert er abendliche Vorträge, und als Lehrbeauftragter für Deutsche Sprache und Literatur hält er dienstags um 8 Uhr in der Goethe-Universität ein Seminar über Thomas Manns Essay "Bruder Hitler". Was ihn alles nicht davon abhalten kann, mit seiner Familie durch die Rhön oder die Chiemgauer Alpen zu wandern. Nur mit dem Singen in der Jungen Kantorei hat er aufgehört, und für seine ausgedehnten Radtouren zwischen Ronneburg und Oppenheim müssen seine Söhne erst älter werden.

          "Lebe im verborgenen", zitiert Regehly seine Devise natürlich auf griechisch. Denn die schöne Sprache Platons ist ihm schon seit der Schulzeit geläufig. 1956 als Sohn einer Dolmetscherin und eines Diplomingenieurs in Cloppenburg geboren, besuchte er das humanistische Humboldt-Gymnasium in Wilhelmshaven, wo er das Abitur mit dem Großen Latinum und Graecum ablegte. Noch heute ist er seinem Griechischlehrer Claus Runge dankbar für die frühe Lektüre der Vorsokratiker. Runge schickte ihn auch zu den Philosophen nach Tübingen, wo Regehly bei dem Gadamer-Schüler Walter Schulz zu studieren begann. Schon damals dachte er auch ans Geldverdienen und belegte deshalb zusätzlich den Staatsexamensstudiengang in Soziologie. Als Schulz emeritierte, wechselte Regehly 1978 nach Frankfurt. Hier studierte er Philosophie bei Alfred Schmidt und empirische Hermeneutik bei Ulrich Oevermann. Über "Hermeneutische Reflexionen" schrieb er 1990 auch seine Doktorarbeit.

          Der Klassischen Philologie hatte er ebenfalls die Treue gehalten: Von Harald Patzers Homer-Kolloquium schwärmt er noch heute, und bei dem Germanisten Norbert Altenhofer hat er gelernt, Texte in ihrer Individualität zu erschließen. Schon in den Universitäten hatte er in Fachbereichsgremien mitgearbeitet, was also lag nach dem Studium näher, als sich der "Kulturarbeit" zu widmen. Darüber ist Regehly zu einem Motor in der hiesigen Intellektuellenszene geworden: Ob er bis 2002 das Programm der "Denkbar" mitgestaltete, Benjamin- und Schopenhauer-Vorträge organisiert, Bücher herausgibt oder wissenschaftliche Artikel verfaßt, stets liegen ihm Editions- und Übersetzungsprobleme, Tradition und Wirkungsgeschichte am Herzen. Wie sein Vater in den Wilhelmshavener Kläranlagen, will auch Regehly als Hermeneutiker etwas klarmachen: aufklären also. CLAUDIA SCHÜLKE

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