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Frankfurter Gesichter : Michel Vuillaume

Als Kohl und Mitterrand 1984 Hand in Hand auf dem einstigen Schlachtfeld von Verdun standen, ist der Brückenbauer Michel Vuillaume dabeigewesen.

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          Als Kohl und Mitterrand 1984 Hand in Hand auf dem einstigen Schlachtfeld von Verdun standen, ist der Brückenbauer Michel Vuillaume dabeigewesen. Heute baut Vuillaume selbst Brücken zwischen Frankreich und Deutschland - als Leiter der Französischen Schule in Hausen, wo er verantwortlich ist für 800 Schüler, 55 Lehrer und einen Etat von zweieinhalb Millionen Euro.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Als Franzose kann Vuillaume unbefangen sagen, was sich bei einem Deutschen chauvinistisch anhören würde: „Ich liebe Deutschland.“ Dessen Kultur, dessen Sprache, dessen Frauen. Vielmehr eine Frau, nämlich seine Ehefrau, die er in Heidelberg kennengelernt hat. Schon bevor er damals sein Herz dort an die spätere Mutter seiner drei Kinder verlor, hatte er es an die deutsche Sprache gehängt. Der erste Flirt mit dem Deutschen fand schon zu seiner Schulzeit in Pontarlier statt, seiner Heimatstadt im französischen Jura nahe der Grenze zur Schweiz.

          Ein echtes Liebesverhältnis erwuchs daraus während seines Studiums in Heidelberg, wo Vuillaume sich zum Dolmetscher ausbilden ließ, bevor er zur Germanistik wechselte. Die deutschen Klassiker kennt Vuillaume wohl besser als die meisten Deutschen, und für die deutsche Exilliteratur ist er sogar ein ausgewiesener Spezialist, schließlich hat er seine Magisterarbeit über Carl von Ossietzky, den Herausgeber der „Weltbühne“ und Träger des Friedensnobelpreises, verfaßt.

          Grenzgänger Vuillaume

          Danach wurde er Deutschlehrer in Frankreich und unterrichtete elf Jahre in Verdun, wo er mit seinen Schülern das erwähnte historische Treffen zwischen Mitterrand und Kohl miterlebte. Mit dem Lehren war es vorbei, als er die Karriere eines Schulleiters einschlug, der im französischen System ein Manager ist, der selbständig eine Schule verwaltet, einbegriffen das Budget. Frankfurt ist nach Molsheim bei Straßburg und nach Colmar seine dritte Station, und hier fühlt sich Vuillaume wohl, weil er sich „im Zentrum von allem“ befindet. Paris, München, Prag, Berlin, alle seine Lieblingsstädte sind nicht weit. Wozu natürlich auch Heidelberg gehört, dort studiert schließlich eine seiner Töchter.

          Man kann Vuillaume als einen Mann zwischen zwei Kulturen bezeichnen, einen Vermittler, der Deutsche und Franzosen einander näherzubringen sucht. Wie sehr dies nötig ist, zeigt das Mittelgebirge an Vorurteilen, das immer noch zwischen den beiden Nationen aufragt. Diesseits des Rheins die ordnungsliebenden Deutschen, jenseits die leichtlebigen Franzosen - lautet eines der scheinbar unausrottbaren Klischees.

          Der Grenzgänger Vuillaume, der hier und dort gelebt hat, weiß es besser. Deutsche, so seine Erfahrung, sind unbefangener im gesellschaftlichen Umgang, sie gehen leichter mit dem Leben um als ihre westlichen Nachbarn. Während diese viel stärker ihre private Sphäre schützen und im Umgang reservierter, förmlicher sind. Vuillaume schöpft aus beiden Kulturen das Beste - vielleicht ist der Zweiundfünfzigjährige deshalb ein so ausgeglichener Mensch.

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