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Frankfurter Gesichter : Michel Leiner

Er sagt: „Das Buch ist ein toller Körper.“ In der Tat: Wer die Bücher in Händen hält, die Michel Leiner gestaltet hat, wittert sofort den Erotiker hinter dem Einband und der Typographie.

          Er sagt: „Das Buch ist ein toller Körper.“ In der Tat: Wer die Bücher in Händen hält, die Michel Leiner gestaltet hat, wittert sofort den Erotiker hinter dem Einband und der Typographie. Auch wenn es sich um die Farben der Neuen Sachlichkeit in der einstigen Tschechoslowakei handelt wie bei der rotblauen Kafka-Edition oder um eine amerikanische Telefonbuch-Schrift, die in der Autobiographie der Künstlerin Nani Simo-

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          nis von den groben Gefühlen einer Frankfurter Familie erzählt. „Bücher können sehr schön sein“, schwärmt der „Art Director“ des Stroemfeld Verlags, der seit Anfang der siebziger Jahre mit seinem Verleger Karl-Dietrich Wolff unter demselben Dach im Nordend lebt und arbeitet.

          Zur Zeit ist er allerdings damit beschäftigt, eine neue Fassung seines Films „Am Ama Am Amazonas“ herzustellen, den er 1968 über Frankfurts „vorrevolutionäre“ Akademiker gedreht hatte. Sein ebenfalls halbdokumentarischer Film „Zwickel auf Bizyckel“ über Frankfurts kleine Leute „vor der Revolution“ soll im nächsten Jahr auch wieder ins Kino kommen. Seit seinem „Platzwunder“ (1984), einem Spielfilm, der von Menschen absieht und sich statt dessen in die Welt der Dinge vertieft, hat Leiner sich vor allem seinen drei Kindern und dem Verlag gewidmet, der unter zunehmendem finanziellen Druck alle Kräfte seiner fünf Mitarbeiter für seine gewissenhaften Klassiker-Editionen verlangt.

          Gegen die Ignoranz des akademischen Betriebs

          Die widerständige Haltung, die Leiner und Wolff einst im Sozialistischen Deutschen Studentenverband auslebten, hat sich mittlerweile von der Politik auf die Philologie verlagert. Ihr dient der Buchdesigner mit Hingabe. Stand die Bereitschaft zu beruflicher Verfügbarkeit auch hinter dem Wunsch, Priester zu werden, der ihn mit elf Jahren zu den Jesuiten trieb? Bis dahin hatte der Sprößling einer Polin und eines deutschen Soldaten schon einiges hinter sich. 1942 in Augsburg geboren und vor den Bombenangriffen nach Oberschlesien in Sicherheit gebracht, war er mit seiner Mutter ein Jahr lang auf der Flucht vor den Russen. Sein Vater war gefallen, sein kleiner Bruder verhungert. Leiner überstand eine Lungentuberkulose, aber die Jesuiten hielt er nicht lange aus.

          Die Schule auch nicht. Als er das Gymnasium nach der zehnten Klasse in Esslingen abschloß, war er schon Redakteur bei einer sozialdemokratischen Zeitschrift. Um sich an der Hochschule für Gestaltung in Ulm bewerben zu können, ließ er sich bei einer katholischen Tageszeitung als Schriftsetzer ausbilden. In Ulm begegnete er KD Wolff, der gerade den Verlag „Roter Stern“ gegründet hatte. Nach den ersten Jahren der Revoluzzer-Publikationen entschieden sich der Verleger und seine rechte Hand 1974 endgültig für die schönen Bücher und gegen die politische Militanz.

          Der Rest ist Verlagsgeschichte, zu der Leiner jede Menge Preise und Prämierungen der Stiftung Buchkunst beigetragen hat. Heute kämpft er mit seinem Verleger um einen Lehrstuhl für Editionswissenschaften in Heidelberg und gegen die Ignoranz des akademischen Betriebs überhaupt. Nach einem Schlaganfall vor zwei Jahren muß er allerdings kürzertreten. Oder zumindest in seiner Freizeit den Pinsel zur Hand nehmen, um den Stress und die Sorge um den Verlag in Aquarellen zu verflüssigen.

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