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Frankfurter Gesichter : Martin Lüdke

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Eines darf man nicht, dem Ehepaar Lüdke ein Bild schenken, ein großes gerahmtes Gemälde gar. Denn wohin damit? Bei Lüdkes sind alle Wände besetzt. Selbst im Flur, sonst der letzten Zuflucht für die gemalte Kunst.

          Eines darf man nicht, dem Ehepaar Lüdke ein Bild schenken, ein großes gerahmtes Gemälde gar. Denn wohin damit? Bei Lüdkes sind alle Wände besetzt. Selbst im Flur, sonst der letzten Zuflucht für die gemalte Kunst. Auch dort reiht sich Buch an Buch. Gar nicht zu reden von der Denkerstube unter dem Dach. Da reichen sie sowieso bis zur Decke, stapeln sie sich auf Boden, Schreibtisch oder Sofa.

          Der Preis für so viel gebundenes Wissen? Eigens eingezogene Betonstützen. Und das Renommee, vom geschriebenen Wort etwas zu verstehen. Martin Lüdke ist Literaturkritiker, einer mit Fernsehprominenz. Dennoch gibt es in seinem Leben auch artfremde Daten. Zum Beispiel: 1958 erstes Mal bei der Eintracht im Riederwald; 1959 Eintracht deutscher Meister - gejubelt auf dem Römerberg; 1960 Eintracht im Endspiel des Europapokals - vom Balkon des Römer den Massen zugewinkt. Wie er dahin kam? Ist ja egal.

          Vom lesenden Lehrling zum lehrenden Professor

          Martin Lüdke zeigt viel Selbstironie. Er ist 1943 im thüringischen Apolda geboren, wuchs am „Rande der Klassik“ auf, ging dann in Frankfurt vor dem Abitur vom Goethe-Gymnasium ab - mit einer Sechs in Latein und einer Fünf in Mathe: „Das hat für eine Dissertation aber gereicht.“ Artfremd war eigentlich auch seine kaufmännische Lehre in einem Speditionshaus. Im letzten Lehrjahr verschlang er jedoch Bücher, und zwar immer gleich das Gesamtwerk eines Autors. Von William Faulkner und von Anna Seghers. Damit er tagsüber lesen konnte, meldete er sich auch mal krank. Denn: „Wer die Arbeit ebenso scheut wie den Müßiggang, der findet leicht zum Buch.“ Hier muß Lüdke die Devise des Sozialpsychologen Peter Brückner zum ersten Mal verinnerlicht haben. Sie ist noch heute sein Lebensmotto.

          Aus dem lesenden Lehrling wurde ein lehrender Professor an der Frankfurter Universität für Neuere Deutsche Literatur. Dazwischen lagen eine Hochbegabten-Prüfung mit Adorno als Prüfer und eine Promotion mit dem Titel: „Die Differenz von Kunstschönem und Naturschönem bei Kant, Hegel und Adorno“. Er habe sich zwingen wollen, sagt er dazu nur, etwas zu machen, was er hinterher nie mehr machen würde. Zum Beispiel auch fünftausend Seiten Sartre über Flaubert lesen - „Der Idiot der Familie“.

          Leitung von „Literatur im Foyer“

          Es folgten Besprechungen für den „Spiegel“, die „Zeit“, die „Frankfurter Rundschau“, Gastprofessuren an verschiedenen Universitäten in Amerika wie Los Angeles, San Diego und St. Louis, eigene Bücher zu ästhetischen und literaturkritischen Themen und seine Arbeit beim Fernsehen - erst beim Hessischen Rundfunk und nun beim Südwestrundfunk. Abgesehen davon, daß er nach wie vor viel schreibt oder in der Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse sitzt, leitet er dort die Reihe „Literatur im Foyer“, stellt Schriftstellern liebevoll knifflige Fragen.

          Nach wie vor freut sich Lüdke - ein begeisterter Jogger - auf jedes Buch. Bei denen, die er behält, sagt er, weiß er, was darin steht. Und er findet sie wieder. Das heißt, mit Glück.

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