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: Frankfurter Gesichter: Maria Gazzetti

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Auf der gerade zu Ende gegangenen Frankfurter Buchmesse war der Trend deutlich erkennbar: Die Verlage verkaufen Spitzentitel sehr gut, doch etwas unbekanntere Bücher lassen sich schwer unterbringen. Ein ...

          Auf der gerade zu Ende gegangenen Frankfurter Buchmesse war der Trend deutlich erkennbar: Die Verlage verkaufen Spitzentitel sehr gut, doch etwas unbekanntere Bücher lassen sich schwer unterbringen. Ein Bestsellertum, dem Maria Gazzetti, seit August 1995 Leiterin des Frankfurter Literaturhauses, den Kampf ansagt. Ihrer Meinung nach sollte ein Literaturhaus besonders die hierzulande noch unentdeckten Autoren vorstellen. Was freilich nicht einfach ist. Denn auch die Besucher seien immer weniger neugierig auf nie Gesehenes, hat Gazzetti beobachtet: "Sie wollen keine Überraschungen."

          So kommt es, daß bei Pavlovic, einem serbischen Lyriker, höchstens 15 Besucher ins Literaturhaus finden, bei Judith Hermann aber einige hundert. Doch Maria Gazzetti gelingt die Balance zwischen beliebten und noch unbekannten Autoren recht gut, 90 bis 100 Hörer finden sich durchschnittlich zu einer Lesung ein. Doch steigt die Zahl der Besucher auf mehr als 300, dann wird es zu eng in der repräsentativen Villa an der Bockenheimer Landstraße. Deshalb muß Gazzetti mitansehen, daß Imre Kertesz jetzt nicht mehr bei ihr, sondern in der Alten Oper liest, deshalb ist sie gezwungen, bei der Uraufführung des Elfriede Jelinek-Films etliche Fans unverrichteter Dinge wieder nach Hause zu schicken. Für die Christa Wolf-Lesung konnte das Literaturhaus zumindest ins Bockenheimer Depot ausweichen.

          Damit soll es vorbei sein, wenn das Literaturhaus voraussichtlich Frühjahr 2005 in die neu errichtete alte Stadtbibliothek zieht. Maria Gazzetti strahlt, wenn sie sich vorstellt, wie es sein wird, endlich über genug Platz für große Lesungen zu verfügen, folglich auch wirtschaftlicher arbeiten zu können. Und eine Bar, die junge Leute anlockt, fände sie ebenfalls reizvoll. Dazu wären ein Cafe mit internationaler Presse, eine Buchhandlung und Raum für Filmvorführungen und Ausstellungen ihr Wunsch, die die Literatur bildlich-sinnlich vor Augen führen.

          Denn Maria Gazzetti ist nicht nur eine "Lesemaschine", die im Durchschnitt ein Buch pro Tag verschlingt. Sie hat auch ein Faible für die Kunst. Als die italienische Studentin 1979 nach Deutschland kam, landete sie bei einer Gastfamilie in Hamburg, der Hausherr war Professor für Kunstgeschichte und besaß 20000 Bücher - "das war ein großes Glück". In Hamburg studierte Gazzetti Romanistik, Geschichte und Germanistik, ihre Promotion über D'Annunzio folgte 1984. "Ich habe mir durch die deutsche Sprache eine zweite Geburt gegeben", sagt sie im Rückblick. Bevor sie an den Main kam, arbeitete sie als Scout für italienische Verlage, denen sie deutsche Literatur vermittelte. Umgekehrt stellte sie den Gästen im Literaturhaus immer auch italienische Autoren vor. In Frankfurt gefiel ihr sogleich das interessierte Publikum und daß es so viele Dichter, Verlage, Kritiker und Übersetzer gebe.

          Immer noch interessiert Maria Gazzetti die Vermittlung zwischen der Literatur aus Deutschland und ihrem Heimatland, wo man deutsche Autoren wie Josef Winkler, Heiner Müller, Wilhelm Genazino oder Durs Grünbein kaum kenne. "Was ich von Deutschland erfahre, würde ich gerne irgendwann einmal auch nach Italien zurückbringen", sagt Gazzetti. "Mein Ideal wäre, eine Art Wagenbach-Verlag in Italien zu sein. Denn Italien weiß von Deutschland noch ganz wenig." katharina deschka-hoeck

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