https://www.faz.net/-gzg-sjj3

Frankfurter Gesichter : Johannes Fried

Wer wissen will, womit sich Johannes Fried beschäftigt, kann seine Bücher und Aufsätze lesen. Oder die Souvenirs im Büro des Professors betrachten. Fried bemerkt sofort, daß der Blick des Gastes durch den Raum wandert.

          Wer wissen will, womit sich Johannes Fried beschäftigt, kann seine Bücher und Aufsätze lesen. Oder die Souvenirs im Büro des Professors betrachten. Fried bemerkt sofort, daß der Blick des Gastes durch den Raum wandert. Der Freud-Hampelmann an der Wand? Ein Geschenk zum Geburtstag und zur Verleihung des Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa. Die kleine Hexe über der Zimmertür? Andenken an ein Seminar über Hexenverfolgung. Der Stoffgorilla auf dem Regal? Ein Maskottchen für den Historiker, der sich auch mal mit Evolutionsbiologie beschäftigt.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Wenn man mich fragt, was mein Spezialgebiet ist, kann ich keine Antwort geben.“ Das klingt dann doch etwas kokett, schließlich ist Fried einer der renommiertesten deutschen Mittelalterforscher. Seit 1983 lehrt er an der Goethe-Universität, von 1996 bis 2000 war er Vorsitzender des Verbandes der Historiker Deutschlands. Was tatsächlich ein Amt für einen Generalisten ist, der nicht nur über Karl den Großen Kluges zu sagen weiß, sondern ebenso zur Rolle der Historiker während der NS-Zeit.

          „Ein Gedicht von Horaz kann Sie am Leben halten“

          Schon als Schüler begeisterte sich Fried für vergangene Epochen. Mit fünfzehn veranstaltete er in seinem Zimmer „Ausstellungen“ mit Fundstücken, die er selbst ausgegraben hatte. Das Studienfach stand schnell fest, in die Mediävistik ist er dann „reingerutscht“, wie er sagt. Ihn beeindruckten die Professoren an der Heidelberger Universität, und die inhaltliche Faszination wuchs bei näherer Beschäftigung mit der Materie. „Indem man Wissen sammelt, entwickelt man Interesse - und Widerspruchsgeist.“

          Die Neigung zum Querdenken ist dem Vierundsechzigjährigen bis heute geblieben. Er diskutiert mit dem Hirnforscher Wolf Singer über die Freiheit des Willens und untersucht gemeinsam mit Psychologen die Frage, wie sich bei Kleinkindern das Gedächtnis bildet. Denn wer Geschichte verstehen wolle, müsse verstehen, wie selektiv die Erinnerung funktioniere. Haben sich die Konstantinische Schenkung oder der Gang nach Canossa wirklich so zugetragen, wie es in den Büchern steht? Fried setzt sich kritisch mit den Quellen auseinander, dabei stets die Erkenntnisse der Gedächtnisforschung im Blick behaltend. Das bringt ihm von Kollegen den Vorwurf ein, er degradiere die Historik zur Hilfsdisziplin der Neurowissenschaften. Dergleichen liegt ihm fern, doch er weiß, daß seine Position in der Zunft derzeit nicht mehrheitsfähig ist. Es klingt Stolz mit, wenn er sagt: „Ich fühle mich als Außenseiter, weil die Fragen, die ich stelle, an die Grenzen des bisherigen Forschens reichen.“

          Fried ist ein Pionier, aber einer mit Sinn für traditionelle Werte. Er beklagt die schwindende „Lesekompetenz“ seiner Studenten, das Abnehmen der Fähigkeit, den ethischen Gehalt großer Literatur zu erfassen. Faust, Nathan, Wallenstein - „da muß es einem beim Lesen doch kalt über die Haut laufen“. Die Freude am Gedruckten läßt ihn auch dann, wenn alle Welt in die Fußball-Arenen strömt, lieber zu einem guten Buch greifen. Seine Begründung ist pathetisch, aber plausibel: „Wenn Sie in ein GULag verschleppt werden, hilft es Ihnen nichts, wenn Sie viele Spiele gesehen haben. Ein Gedicht von Horaz kann Sie am Leben halten.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Anne Will diskutiert mit ihren Gästen über die Soli-Abschaffung

          TV-Kritik: Anne Will : Wiederbelebung der Neiddebatte

          Die SPD hatte bisher das einzigartige Talent, die Probleme ihrer Konkurrenz zu den eigenen zu machen. Bei der Debatte um den Solidaritätszuschlag scheint das anders zu sein, wie bei Anne Will zu beobachten war.
          Unser Sprinter-Autor: Sebastian Reuter

          F.A.Z.-Sprinter : Von wegen Kinderkram!

          Angela Merkel könnte in Biarritz noch eine tragende Rolle zukommen. Eltern sollten mit ihrem Nachwuchs über einen besonderen Mann sprechen. Und Glück stellt sich manchmal erst spät ein. Was sonst wichtig ist, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.