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: Frankfurter Gesichter: Ingrid Matthäus-Maier

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Am 1. Juli 1999, morgens um acht in Bonn, hat Ingrid Matthäus-Maier Bundestagspräsident Wolfgang Thierse aufgesucht und die Verzichtserklärung auf ihr Bundestagsmandat unterzeichnet. Danach stieg die ...

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          Am 1. Juli 1999, morgens um acht in Bonn, hat Ingrid Matthäus-Maier Bundestagspräsident Wolfgang Thierse aufgesucht und die Verzichtserklärung auf ihr Bundestagsmandat unterzeichnet. Danach stieg die gewesene finanzpolitische Sprecherin der SPD ins Auto, fuhr nach Frankfurt und bezog noch am Vormittag ihr neues Büro bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) an der Bockenheimer Landstraße. Damit begann ihr drittes Leben. Berufsleben natürlich.

          Ihr erstes, nur anderthalb Jahre langes, sah sie als Richterin am Verwaltungsgericht Münster. Ihr zweites führte sie als damals jüngste Abgeordnete in den Bundestag, wo sie es nach ihrem Wechsel von der FDP zur SPD zur stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden und finanzpolitischen Sprecherin brachte. Das Amt der Finanzministerin, für das viele sie prädestiniert sahen, ist der im niedersächsischen Werlte geborenen Matthäus-Maier versagt geblieben. Aber das ist eine andere Geschichte.

          22 Jahre ist die gelernte Juristin mit Herz und Seele Abgeordnete gewesen. Und jetzt ist sie mit Herz und Seele Bankerin, Vorstandsmitglied bei der KfW, der Bank von Bund und Ländern. Über ihrem Schreibtisch im schicken Büro mit Blick auf den Eingang des Palmengartens hängt unter anderem eine Weltkarte. Aus gutem Grund. Darauf kann Frau Matthäus-Maier mit einem Blick ihr außerdeutsches Reich übersehen: von der polnischen Grenze bis zum Ural, den Balkan eingeschlossen. Energie, Wasser, Wohnungsbau, Verkehr: für Projekte auf diesen Sektoren vergibt sie Kredite und Finanzhilfen.

          Ihre Verbindung zur Politik ist durch ihre Banktätigkeit nicht abgerissen. Schließlich handelt die KfW häufig im Auftrag der Politik, zum Beispiel aktuell beim Sonderprogramm "kommunale Infrastruktur". Mindestens einmal in der Woche weilt Frau Matthäus-Maier daher in Berlin, um beispielsweise mit den Mitgliedern des Haushaltsausschusses anliegende Fragen zu besprechen. Daß sie nicht mehr aktive Politikerin ist, keine Spitzenpolitikerin mehr, bedauert sie nicht. Denn in der Politik lautet die Grundregel: Tue Gutes und rede Tag und Nacht darüber. Jetzt tut sie auch Gutes, muß aber ihre Taten nicht ununterbrochen selbst loben. Außerdem ist der Dauerstreß weg. Vorbei die Zeiten, da sie zuweilen schon vor dem Frühstück drei Interviews hinter sich gebracht hatte. In ihrem dritten Leben arbeitet Frau Matthäus-Maier zwar genauso hart wie im ersten und zweiten, aber sie kann sich stärker auf das Wesentliche konzentrieren.

          Ihre früheren Vorurteile gegen Frankfurt hat sie längst abgelegt. Die Stadt erscheint ihr viel menschlicher, als die Skyline es suggeriert. Als passionierte Radfahrerin genießt sie das viele Grün, kennt mittlerweile auch die schönen und gemütlichen Ecken, schätzt das temperierte Hausener Bad, die Wege neben der Nidda oder den Brentanopark. Mittelpunkt des Familienlebens ist aber weiterhin das Haus in Sankt Augustin geblieben. Dorthin haben es die in Köln lebende Tochter und der bei Koblenz studierende Sohn nicht weit, von dort erreicht Frau Matthäus-Maier auch schnell ihre Mutter im Ruhrgebiet. Frankfurt ist für die Arbeit da - aber Arbeit ist für sie immer schon mehr als das halbe Leben gewesen. HANS RIEBSAMEN

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