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Frankfurter Gesichter : Edith Troebliger

Neulich sind ihr die Kisten wieder eingefallen: Feldpostbriefe, Zeitungsartikel, Tagebücher. Was bleibt von einem Leben? Das hat sich Edith Troebliger gefragt. Wen interessiert das alles?

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          Neulich sind ihr die Kisten wieder eingefallen: Feldpostbriefe, Zeitungsartikel, Tagebücher. Was bleibt von einem Leben? Das hat sich Edith Troebliger gefragt. Wen interessiert das alles? Ordnen muß sie die Dokumente irgendwann, aber dafür ist es noch zu früh: „Das mache ich, wenn ich pensioniert bin.“

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Edith Troebliger ist die älteste Mitarbeiterin der Stadt. Fünf Tage vor ihrer Geburt dankte Kaiser Wilhelm II. ab, das war am 9. November 1918. Troebliger ist 87 Jahre alt, die Treppenstufen zum Kaisersaal im Römer erklimmt sie gebeugt, aber wenn sie sich amüsiert, kollert ein Lachen aus ihrem Mund, das ahnen läßt, wie sie als kleines Mädchen aussah.

          Noch ein paar Monate, dann sind es 25 Jahre, in denen Troebliger die Besucher der Stadt durch den Kaisersaal geführt, ihnen die 52 Porträts der Herrscher des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation gezeigt, sich über schlaue Kinderfragen gefreut und über gelangweilte Erwachsenenblicke geärgert hat. Noch ein paar Monate, dann wird die Protokollchefin wieder einmal fragen, ob Troebliger ihren Vertrag über 20 Wochenstunden verlängern will. Edith Troebliger wird ja sagen. Wie immer, wenn sie in ihrem Leben gefordert war.

          „Die schönste Zeit“

          Geboren in Ungarn, kam sie über Schlesien und Regensburg nach Frankfurt. Hier machte Troebliger 1937 auf der Elisabethenschule das Abitur. Schön war die Schulzeit nicht, erzählt sie: „Der Direktor war ein Hundertfünfzigprozentiger.“ Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs beginnt sie, Philologie zu studieren. Eines Tages geht sie ins Deutsche Seminar.

          „Mir war das sofort klar“, sagt Troebliger: Dieser Mann war der ihre. Ein Musikhistoriker. Wie sollte es anders sein, wenn in der eigenen Familie alle musizieren und der Vater mit der Bratsche Kammerkonzerte gibt? „Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis wir uns geduzt haben“, sagt sie und bettet den Kopf in die rechte Hand. „Das war damals so.“

          Ihr Mann, der seit 20 Jahren nicht mehr lebt, zieht in den Krieg. Troebliger bricht ihr Studium ab und geht arbeiten: „Man mußte doch was tun.“ Das Elternhaus trifft eine Bombe, mit Mühe überlebt das Paar den Krieg. Sie bekommen eine Tochter, später eine zweite. Troebliger will eigentlich Lehrerin werden - und arbeitet als Übersetzerin, Journalistin, Buchhalterin. Im Betriebsbüro der Musikhochschule erlebt sie in den siebziger Jahren „die schönste Zeit“.

          Heute hat Troebliger sieben Enkel und eine Urenkelin. Nicht alle wohnen in Frankfurt, aber hier ist das Zentrum der Familie - weil sie hier lebt. Unverrückbar. Im selben Haus seit 1957. Keine Prüfung, deren Ergebnis ihr nicht sogleich gemeldet wird. Kein Ellbogen auf dem Tisch, für den die Enkel keinen strafenden Blick kassieren.

          Der Abschied ist kurz. „Auf Wiedersehen“, sagt Edith Troebliger und drückt fest die Hand. Für heute hat sie genug von sich offenbart.

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