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Frankfurter Gesichter : Axel Honneth

Als Sozialromantiker versteht er sich nicht. Aber bestimmte "Bilder geglückter Gesellschaftlichkeit" schweben ihm schon vor. Etwa jene Szene aus Peter Weirs Film "Der einzige Zeuge", in der eine Amish-Gemeinde gemeinsam eine Dorfschule baut.

          Als Sozialromantiker versteht er sich nicht. Aber bestimmte „Bilder geglückter Gesellschaftlichkeit“ schweben ihm schon vor. Etwa jene Szene aus Peter Weirs Film „Der einzige Zeuge“, in der eine Amish-Gemeinde gemeinsam eine Dorfschule baut. „Das ist gelungene Kooperation“, sagt Axel Honneth. Der Sozialphilosoph von der Goethe-Universität hält den Individualismus zwar nicht für einen Holzweg westlichen Denkens, sondern eher für eine „Schicksalsmacht der Moderne“, aber er fühlt sich eben doch der Traditionslinie Rousseau-Hegel-Weber-Lukacs-Simmel verpflichtet und deren gegenwartskritischem Blick. Nur daß Honneth nicht nostalgisch auf ein goldenes Zeitalter zurückblickt, sondern auf eine Zukunft mit „egalitären Anerkennungsverhältnissen“ hofft.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sein „Anerkennungsbewußtsein“ hat biographische Wurzeln. 1949 in Essen als Sohn eines Arztes geboren und behütet aufgewachsen, lernte Honneth auf einem Reformgymnasium Mitschüler aus Bergarbeiterfamilien und deren existentielle Alltagsnöte kennen. „Wir schämten uns wechselseitig: die einen ihres Reichtums, die anderen ihrer Armut“, erinnert er sich. Theater, Oper und Literatur haben ihn schon früh begeistert. Er las Wilder, Williams, Steinbeck und die Beat-Poesie und ging nach einer Sartre-Phase zu Böll, Walser und Handke über. Dennoch belegte er Germanistik nur als Nebenfach, als er 1969 in Bonn mit dem Philosophiestudium begann.

          Ein „glückliches und einschüchterndes Erlebnis“

          Nach drei Semestern wechselte der Jungsozialist, der den revolutionären Tendenzen seiner Kommilitonen skeptisch gegenüberstand, nach Bochum und vom Nebenfach Psychologie zur Soziologie. Der Soziologe Urs Jaeggi holte ihn 1974 an die Freie Universität Berlin. Inmitten „überspannter Splittergruppen“ versuchte Honneth als wissenschaftlicher Assistent eine Gratwanderung zwischen Rückzug und Engagement. 1982 promovierte er über „Foucault und die Kritische Theorie“. Schon kurz davor hatte der passionierte Habermasianer ein „glückliches und einschüchterndes Erlebnis“ am Telefon: Habermas rief ihn an, weil ihm ein Artikel gefallen hatte. Für ein Jahr zog Honneth ans Max-Planck-Insitut für Sozialwissenschaften nach Starnberg und wechselte 1983 mit Habermas an die Frankfurter Universität.

          Dem „Kampf um Anerkennung“ verschrieb er sich schon 1990 in seiner Habilitationsarbeit. Im Jahr darauf folgte er dem Ruf auf eine Professur für Philosophie in Konstanz, wechselte aber schon 1992 auf einen Lehrstuhl für politische Philosophie an der FU Berlin. 1996 folgte er Habermas auf den Lehrstuhl für Sozialphilosophie an der Goethe-Universität. Als Geschäftsführender Direktor am Institut für Sozialforschung wandelt Honneth seit dem Jahr 2000 auch auf Adornos Spuren. Bei den diesjährigen „Frankfurter Positionen“ hat er einen bemerkenswerten Vortrag über Fürsorge, Rechtsgleichheit und Leistung als „moralische Grundlagen moderner Gesellschaften“ gehalten. Denn Honneth arbeitet weiter an einer „Theorie der Gerechtigkeit“.

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