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: Ein Wiedersehen mit Klaus Gallwitz

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Sie ist das Entzücken aller Passanten auf der Lichtentaler Allee in Baden-Baden, die unvergänglich taufrische, wohl sieben Meter hohe rotblühende Rose zwischen den alten Bäumen an der geschichtsträchtigen Zeile durch den Kurpark.

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          Sie ist das Entzücken aller Passanten auf der Lichtentaler Allee in Baden-Baden, die unvergänglich taufrische, wohl sieben Meter hohe rotblühende Rose zwischen den alten Bäumen an der geschichtsträchtigen Zeile durch den Kurpark. Aus feinstem Stahl, eine Symbiose von Kunst und Natur, hat sie die Objektkünstlerin Isa Genzken gezüchtet. Vor die "Stiftung Frieder Burda", einem stattlichen Jugendstilbau, hat sie der Mäzen gepflanzt - als Wahrzeichen seiner Sammlung von Malerei und Skulptur der Moderne.

          Im lichten Foyer der Villa treffen wir Professor Klaus Gallwitz, den vormaligen Städeldirektor. Als Gründungsdirektor der Sammlung Frieder Burda, so sein offizieller Titel, hat der 74 Jahre alte Gallwitz die reizvolle Aufgabe übernommen, für die umfangreiche Privatkollektion einen Neubau für wechselnde Ausstellungen einzurichten. Auch dieser Bau, ein 20 Millionen Euro teures Projekt, ist ein Geschenk des leidenschaftlichen Kunstfreunds Burda an seine Wahlheimat Baden-Baden. Mehr als 500 Werke hat der 1936 geborene Offenburger Verlegersohn erworben, seit er - aufgewachsen unter den Expressionisten der Eltern - Ende der sechziger Jahre vor einer geschlitzten Leinwand Lucio Fontanas sein Erweckungserlebnis hatte.

          Nachdem Burda 1998 diesen Schatz in eine Stiftung überführt hatte, fand er in Stararchitekt Richard Meier den kongenialen Baumeister eines Forums für seine Erwerbungen und in Klaus Gallwitz den erfahrenen Kenner der Moderne wie auch der Verhältnisse des Kurortes an der Oos. Als Leiter der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, eines Hauses ohne Kunstbesitz, hatte er mit glanzvollen Ausstellungen seine Karriere begonnen. Nun schließt sich für Gallwitz ein Kreis seiner Tätigkeit: 30 Jahre nach seiner Berufung ans Städel kehrt er zurück an den Ort und auch an die Stätte seiner frühen Erfolge. Denn von Beginn an war Frieder Burdas Gründung auf geregelte und regelmäßige Kooperation mit dem zwar autonomen, doch in seinen Mitteln recht beschränkten staatlichen Institut ausgerichtet. Diese wohl in ganz Deutschland einzigartige Partnerschaft von öffentlichem und privatem Engagement für die Kunst bestimmte auch die Architektur für die Sammlung. Unmittelbar neben der Kunsthalle gelegen und mit ihr durch eine gläserne Brücke verbunden, paraphrasiert Meiers weißes Juwel elegant die klassizistische Fassade des vor 100 Jahren errichteten Musentempels.

          Schon die Ausstellungspremiere wird in beiden Häusern stattfinden. 150 Werke als Schwerpunkte des Gesamtbestands hat Gallwitz für die erste Vorstellung aus- gewählt. Entstanden ist eine Art Porträt des Sammlers, seines Naturells und seiner Vorlieben für Farbe und Bewegung. Nicht Stilrichtungen, Trends oder das Diktat des omnipotenten Kunstmarktes haben Burda je beeinflußt. Er erwarb, was ihm gefallen hat. Deshalb fehlen unter den bemerkenswerten Werkgruppen internationaler Künstler etwa Arbeiten von Joseph Beuys, weil er "mich auch von der Emotion nie fasziniert" hat. Diese so ganz persönliche Beziehung zur Kunst will Gallwitz inszenieren als geheimnisvollen Dialog der Bilder untereinander, unabhängig von ihrer Herkunft und Entstehungszeit.

          Als Probebühne dient dem Pendler zwischen seinem Wohnort Karlsruhe und Baden-Baden ein Minimodell des Neubaus; die Räume der Kunsthalle sind ihm altvertraut. Nun heftet er kleinstformatige, mit einem Magnet versehene Kopien seines Materials an diese und jene Wand von Sälen und Kabinetten, prüft die Wirkung der Bilder, achtet auf ihre Sprache - und weiß doch, daß so manches noch geändert werden muß, wenn die Bilder mit der realen Architektur konfrontiert werden. Wie sich dann dort die Kirchners, Beckmanns und andere deutsche wie amerikanische Expressionisten mit Arbeiten von Lüpertz, Polke, Richter und anderen Namhaften vertragen, die Gallwitz als noch völlig Unbekannte vor einer Generation in der Kunsthalle vorstellte, wird man sehen. Und wie nur wird sich Picassos erschreckend-ergreifendes Spätwerk in ein teilweise auch poetisch gestimmtes Ensemble einbeziehen lassen?

          Ästhetisch eindeutig ist der programmatische Prolog dieses Schauspiels: Anselm Kiefers Interpretation von Dichtung und Wahrheit im Kunstwerk mit dem ungewohnt farbigen, sechs Meter breiten Gemälde "Böhmen liegt am Meer". Am 22. Oktober wird die Schau feierlich eröffnet, die bis Ende Februar zu sehen sein wird. Jetzt muß sich der auf zwei Jahre verpflichtete Gründungsdirektor Gedanken machen für die nächste Veranstaltung. Und laut Vertrag auch um einen Nachfolger - falls er der nicht selber wird. CHRISTA VON HELMOLT

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