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Swoosh Lieu im Frankfurter Lab : Gretchenfragen des Theaters

Kollektives Bilderverschieben: Viele Fragen bleiben offen bei Swoosh Lieu. Bild: Hanke Wilsmann

Bildbetrachtung: Die Performancegruppe Swoosh Lieu holt mit „Who moves?!“ ein bisschen Bewegung in das Frankfurt Lab.

          Und jetzt? Was nehmen wir mit von diesem eine knappe Stunde kurzen, durchaus charmanten, mitunter aber auch ein wenig zähen und didaktisch übermotivierten Abend? Dass es eine politische Entscheidung sei, wo Straßenlaternen aufgestellt werden und wo nicht? Das „alle Lager abschaffen“ der Inbegriff des Feminismus sei? Dass „We all can do it!“, wie auf einem Plakat zu lesen ist, oder dass wir bitte schön im nächsten Jahr bloß nicht den Frauentag vergessen? Wirklich weltbewegend ist das eher nicht, was Swoosh Lieu im Frankfurt Lab zu erzählen haben, wo nach „Who Cares?!“ im vergangenen Jahr nun der zweite, vom Mousonturm koproduzierte Teil der Trilogie „What is the plural of Crisis“ zu erleben war.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dabei beginnt auch „Who moves?! – Eine performative Montage der Beweggründe“ durchaus verheißungsvoll. Findet sich das Publikum zunächst ein wenig ratlos und verloren in der weiten Halle wieder, bis man – die Markierungen in Rot und Grün und Weiß deuten es schon einmal an – gewahr wird, dass man mitten im Geschehen und also auf der Bühne steht. Es taumeln schließlich allerlei Erzählungsfetzen in den Raum, die sich, je länger desto mehr, als Bildbeschreibungen erschließen, deren Inhalte man bald zu kennen glaubt.

          Flucht und Vertreibung, Solidarität und Identität

          Flüchtlinge gibt es da offenbar zu sehen, eine Frau mit einem Kind irgendwo an einem Strand, einen Protestzug und zwei Frauen mit erhobener Faust. Zeitungsbilder könnten darunter sein, Plakate, Schnappschüsse, Postkarten und noch so allerlei, was um Flucht und Vertreibung kreist, um Solidarität aber auch, um Identität und Emanzipation.

          So weit, so politisch korrekt und engagiert. Freilich mit einer für Swoosh Lieu typischen Pointe, stellen doch Johanna Castell, Katharina Pelosi und Rosa Wernecke, die seit Gießener Studientagen als Swoosh Lieu die Theaterszene rocken, wie schon in „Stages of Work“ vor zwei Jahren die eigenen Bedingungen hübsch metadiskursiv in Frage. Denn in der Tat gilt, was für jedes der von den Stimmen beschriebenen Bilder gilt – dass nämlich die Auswahl von Zeitungsfotos etwa, Perspektive, Ausschnitt und Kontext, immer schon das Resultat einer Entscheidung vorstellt, auch für das Theater. Und auch hier hat jede dramaturgische Entscheidung – das Publikum zunächst ausschließlich Stimmen auszusetzen, das Setting (Raum: Lani Tran-Duc), die Wahl der interviewten Frauen, der besprochenen Bilder oder Textpassagen für diesen vom Frankfurter Mousonturm koproduzierten Abend – für das Theater Konsequenzen. Für Swoosh Lieu, die stets auch nach den Perspektiven des Politischen im zeitgenössischen Theater forschen, durchaus so etwas wie die Gretchenfrage.

          Nichts, was wir nicht schon wüssten

          Das ist klug, plausibel und präzise präpariert. Nur machen Swoosh Lieu dann leider nichts daraus. Zwar sitzt das Publikum nun bald an großen, flugs in den Raum gefahrenen Tischen und schiebt nun gerade jene ein, zwei Dutzend Bilder, wie sie die Stimmen aus dem Off beschreiben, hin und her: ein Flüchtlingsschiff, viel Stacheldraht, die Frau mit Kind, zwei Fäuste, die sich in den Himmel recken. Allein, es folgt am Ende nichts daraus. Im Grunde erfährt man von all diesen Bildern nichts, was wir nicht ohnehin schon wüssten. Stattdessen verschiebt sich der Fokus mehr und mehr von den Menschen auf den Fotos auf die Erzählerstimmen, die sie gleichsam mit dem Publikum betrachten und sie für uns deuten.

          Auf Irina etwa, Maya, Helen und Donata, Chimène oder Asmara, deren Namen und Geschichte weitgehend hinter ihrem Engagement als Anwältin, Künstlerin oder „Aktivistin, Antirassistin, Antifaschistin“ für Flüchtlinge und Emanzipation verschwinden. Was also nimmt man mit von diesem Abend? Dass Frauen auch Macht haben, wie es einmal heißt, etwas verändern und bewegen können? „We all can do it“ also, solange Frauen in aller Welt nur solidarisch sind? Nun, da ist vermutlich etwas dran. Doch die Frage aller Fragen bleibt: „Who moves?“ Das Publikum, so scheint es, ist es am Ende eher nicht.

          Nächste Vorstellungen am 24. und 25. Januar im Frankfurter Mousonturm.

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