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Performance über Sozialismus : Debatten zum Schein

Irgendwas mit Sozialismus: Tischgesellschaft in den Landungsbrücken Bild: A. P. Englert

Die „Tischgesellschaft für Zeitverkostung“ will sozialistische Generationen im Dialog zusammenführen. Dazu greift die Performance auf Gesangs- und Schauspieleinlagen, Filmvorführungen und sogar Lesungsfrequenzen zurück.

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          Im ganzen Saal verstreut stehen die Stühle kreuz und quer, und die hereinkommenden Zuschauer suchen sich einen Platz. Ein paar Überlegungen zur Zeit und ihrer Aufteilung, später dürfen sie mit anfassen: Tische müssen aufgebaut, Stühle gerückt werden, bis endlich alle versammelt um die große Tafel sitzen. Eine Tischgesellschaft konstituiert sich.

          Katharina Deschka
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Tischgesellschaft für Zeitverkostung“ heißt schließlich das Programm, zu dem die Theaterkollektive helfersyndrom, Wu Wei Theater und Vereinigte Vergangenheiten in die Landungsbrücken in Frankfurt geladen haben. Unter der Regie von Rouven Costanza ist eine Performance aus Gesangs- und Schauspieleinlagen, Bekenntnissen, kleiner Filmvorführung und Lesungsfrequenzen entstanden. Dazu gibt es für die Zuschauer Wasser, Wein und Knabberzeug.

          In mundgerechte Häppchen

          Und immer wieder ein bisschen Theorie, schön aufgeteilt in mundgerechte Häppchen. Ein wenig wird Marx zitiert und aus der Utopia von Thomas Morus, ein wenig über eine Zeitgesellschaftsformel von Dietmar Dath nachgedacht, die Geld durch Zeiteinheiten ersetzen möchte. Arno Peters Computersozialismus wird hervorgeholt, der behauptet, dass die Planwirtschaft nicht hätte scheitern müssen, sondern durch richtige Computersteuerung funktionieren könnte.

          Und man sieht einen kurzen Film über die Solidarität der Tiere, und wenn sogar schon eine Katze einen Fisch zurück ins Wasser schubst, um ihm das Leben zu retten, dann ist es doch zur menschlichen Solidarität auch nicht mehr weit: „Auf Ihr Völker dieser Erde“, lasst uns das Solidaritätslied singen. Und andere Lieder von Brecht und Eisler.

          „Wir haben nur zum Schein debattiert“

          Eigentlich sollen sich an diesem Abend die alte und die junge sozialistische Generation gegenüberstehen, doch von den Jüngeren ist nicht viel mehr zu hören als ein paar kleine Einwände, die Steffen Lars Popp vorsichtig formulieren darf. Immerhin gibt Dietrich Stern als einer der „politischen Kämpfer von gestern“ zu, dass damals durchaus ein autoritäres Selbstverständnis geherrscht habe: „Das Politbüro hat vorbeschlossen, wir haben nur zum Schein debattiert.“

          So erscheint es auch an diesem Abend. Zwar ist das Publikum eingeladen, sich an Diskussionen zu beteiligen. Doch entstammen die um die Tafel Versammelten demselben Kontext, eine echte Auseinandersetzung bleibt folgerichtig aus. Stattdessen malen die Zuschauer „Zeittorten“ aus, um darüber nachzudenken, in wie viel Arbeits-, Konsum-, politische und unbestimmte Zeit sich ihre Woche geschätzt aufteilt. Ein wirklicher Erkenntnisgewinn bleibt aus.

          Und es darf sich ein Interviewter – seine Aussage wird vom Band abgespielt – sentimental an schöne alte DDR-Zeiten erinnern und Angelika Sieburg vom Wu Wei Theater noch einmal bestätigen, dass sie gerne RAF-Mitglieder bei sich zu Hause versteckt hätte, wenn doch nur einer von ihnen einmal vor ihrer Tür gestanden hätte. So ist der Abend trotz der Aufrufe zu gesellschaftlicher Veränderung vor allem einer der Selbstvergewisserung unter Gleichgesinnten, ein Abend der Nostalgie und Schwärmerei, rückwärtsgewandt.

          „Tischgesellschaft für Zeitverkostung“

          Weitere Vorstellungen finden vom 23. bis 25. November in der Brotfabrik in Frankfurt sowie am 30. November und am 1. und 2. Dezember im Theateratelier Bleichstraße 14 H in Offenbach statt.

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