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Fahrschein per Smartphone : Nie mehr ein Ticket ziehen

Automat: Das internetfähige Mobiltelefon registriert in Zukunft automatisch die Fahrt im Bus und in der Bahn. Bild: Michael Kretzer

Eine Fahrkarte ist nicht nötig. Einsteigen und losfahren, so sieht die Zukunft des Bus- und Bahnverkehrs aus. Ohne Smartphone geht es nicht.

          Um 10.52 Uhr hat der Bus 32 auf seiner Fahrt in Richtung Frankfurt Ostbahnhof an der Haltestelle Bockenheimer Depot neue Fahrgäste aufgenommen. Es war ein regulärer Linienbus. Niemand konnte ihm ansehen, dass er die Zukunft des Busfahrens, ja die Zukunft des gesamten öffentlichen Nahverkehrs repräsentiert.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn für diesen Bus mussten die Passagiere – zumindest einige von ihnen – keine Fahrkarte ziehen oder sich ein Ticket vom Fahrer ausstellen lassen. Diese Fahrgäste durften einfach nur einsteigen und losfahren. Ihre Fahrt wurde automatisch erfasst, die Kosten dafür werden ebenso automatisch am Ende des Monats von ihrem Konto abgebucht wie beim Telefon oder beim Strom. Zumindest theoretisch.

          Bahn hat bereits ein ähnliches System

          In diesem Fall fiel nämlich das Bezahlen aus. Denn es sind ausgewählte Fahrgäste gewesen, die in den Sonder-Bus eingestiegen und dabei über ihr Smartphone als Kunden registriert worden sind. Der Chef des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV), Knut Ringat, und der Frankfurter Verkehrsdezernent Stefan Majer (Die Grünen) wollten an diesem Vormittag demonstrieren, dass das System „Einsteigen und Losfahren“ technisch funktioniert. Mit dem genannten Bus fuhren sie bis zur Station Deutsche Nationalbibliothek. Ihre Fahrt wurde, ohne dass sie etwas tun mussten, automatisch registriert und verbucht. „Das ist die Technologie der Zukunft“, sagte Ringat.

          Bis sie den Alltag der Fahrgäste erobert hat, wird es aber noch ein paar Jahre dauern. Von 2020 an, so hofft der RMV-Chef, wird das neue System, das international als „Be-in/Be-out“ bezeichnet wird, beim RMV und anderen Verbünden in Deutschland Einzug halten. Die Bahn besitzt übrigens schon jetzt mit „Touch & Travel“ einen Bezahlmodus, der in diese Richtung weist: Der Fahrgast registriert sich beim Einstiegen mit Hilfe seines Smartphones über eine App und meldet sich nach dem Verlassen des Zuges wieder ab. Auch der RMV ist an „Touch & Travel“ angeschlossen, seine Kunden können mit dem Handy an allen Stationen und Haltestellen ein- und auschecken.

          W-Lan ist Basis für das neue Bezahlsystem

          Doch das System „Einsteigen und Losfahren“ geht noch einen Schritt weiter. Der Fahrgast muss sich nicht mehr an- und abmelden, er muss nur mit seinem Handy in der Tasche einsteigen. Alles andere erledigt die Technik. So könnte es zumindest in der Zukunft ablaufen. Es könnte aber auch, sollten die Kunden dieser automatischen Art des Ticketkaufs nicht genug trauen, ein System gewählt werden, bei dem der Fahrgast beim Einsteigen einen Button auf seinem Handy drückt. So könnte das Gefühl vermittelt werden, dass er den Buchungsvorgang noch selbst steuert.

          Wie exakt das künftige elektronische Bezahlsystem aussieht, wird sich erst in vier bis fünf Jahren entscheiden, wenn es Schritt für Schritt in den regulären Betrieb geht. Die Demonstration diente dazu, die Funktionsfähigkeit der Technik von „Einsteigen und Losfahren“ auf der Basis von W-Lan einmal unter Beweis zu stellen. Getestet wird das neue System seit Anfang Mai auf der Frankfurter Buslinie 32 im Rahmen eines vom Bundeswirtschaftsministerium mit knapp fünf Millionen Euro finanzierten Forschungsprojekts.

          „Bald auch für ganz Deutschland möglich“

          Zehn Busse des städtischen Busunternehmens sind dafür mit der entsprechenden Empfangs- und Sendetechnik ausgestattet worden, diese versteckt sich für die Fahrgäste unsichtbar hinter einer Verkleidung. Sie erfasst den einsteigenden Fahrgast oder vielmehr dessen Smartphone und sendet nach dem Aussteigen die Daten des Aufenthalts im Bus an ein zentrales Hintergrundsystem, das die Fahrt verbucht, ihren Preis errechnet und die Kosten dem Fahrgast in Rechnung stellt.

          Das neue System werde den Nahverkehr gerade auch für Gelegenheitskunden noch attraktiver machen, glaubt Frankfurts Verkehrsdezernent Stefan Majer. Und Ringat ist überzeugt davon, schon bald die Technik zu besitzen, um Fahrten im RMV-Gebiet, aber auch in ganz Deutschland automatisch abrechnen zu können.

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