https://www.faz.net/-gzg-7lxug

Pensionierung wider Willen : Gegangen worden

Rente ist in Ordnung, sagt er, noch arbeiten wäre besser: Herlein in der Adolf-Reichwein-Schule. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Es gibt Leute, die wollen so früh in Rente gehen wie möglich. Andere wollen länger arbeiten, als sie müssen. Norbert Herlein zum Beispiel, Leiter einer Berufsschule. Er hört jetzt auf. Dazu musste er gezwungen werden.

          An seinem letzten Arbeitstag am vergangenen Freitag ist Norbert Herlein gekleidet wie immer. Zu Backenbart und Brille trägt er einen dunklen Anzug, Hemd und Schlips. Für Kollegen und für die Schuldezernentin der Stadt Marburg, die vorbeigekommen ist, gibt es an diesem Vormittag in der Adolf-Reichwein-Berufsschule Sekt und Knabbergebäck. Dazu serviert werden etwas Wehmut und Wut. „Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagt der scheidende Schulleiter. „Ich habe einen gewissen Groll in mir“, fügt er hinzu. In der zurückhaltenden Art des Pädagogen und langjährigen Ortsvorstehers seines Wohnortes Gießen-Kleinlinden heißt das so viel wie bei anderen lautstarker Hader.

          Jacqueline Vogt

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit 1977 ist Herlein, der erst Maschinenschlosser war, dann Ingenieur wurde und Berufsschulpädagoge, als Lehrer tätig. 1968 war er in die SPD eingetreten, er war Stipendiat der DGB-nahen Hans-Böckler-Stiftung. Er war Stadtverordneter und Kreistagsabgeordneter, er ist stolz auf einen Werdegang voller Engagement. Siebzehn Jahre lang war er Mitglied im Prüfungsausschuss für Gas-Wasser-Installateure der Innung in Wetzlar, 1998 wurde er in Marburg Schulleiter. In seinem Büro hat er noch etliche Kartons, die er in den nächsten Tagen packen muss. Ginge es nach ihm, hätte das noch Zeit. Vier Monate trennen Herlein von seinem 66. Geburtstag. Sein Soll im Arbeitsleben hat er erfüllt. Gerne gezogen hätte er eine Option, die das Hessische Beamtengesetz vorsieht, und hätte seinen Eintritt in den Ruhestand um ein Jahr verzögert. Vor sechs Monaten hat er den Antrag gestellt. Das Kultusministerium hat ihn abgelehnt. Seither stritten sich Vertreter der Behörde und der Beamte, der seinen Platz nicht räumen wollte, vor Gericht.

          Der Schriftverkehr, der dieser Zeitung vorliegt, ist lang und ausufernd, mit zunehmender Zeit hat sich ein eskalierender Tonfall darin ausgebreitet. Aus einem einstmals harmlos erscheinenden Antrag mit Bitte um Genehmigung ist eine bittere Schlacht geworden, an deren Ende sogar zwei dienstliche Erklärungen eine angebliche berufliche Unfähigkeit des Antragstellers bescheinigen und Ergebnisse aus einer Schulinspektion zur Beweisführung gegen ihn herangezogen wurden. „Ein Tabubruch“ sei das, sagt Bernd Schreier, ehemaliger Leiter des ehemaligen Instituts für Qualitätsentwicklung im hessischen Bildungswesen, unter dessen Ägide die ersten Inspektionen standen.

          „Ich bin topfit“

          „Andere werden in Zukunft bis zum Alter von 67 Jahren arbeiten müssen, ich wollte es. Ich bin topfit, ich hätte der Schule gerne noch zur Verfügung gestanden“, sagt Herlein. Seit langem ist er auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Berufsschuldirektoren (AGD) in Hessen. 2010 begann das Gremium, das mehr als 100 Bildungseinrichtungen vertritt, mit dem hessischen Kultusministerium und der Abteilung darin, die für die Stellenzuweisungen zuständig ist, eine Auseinandersetzung zu führen. Sie schwelte lange, die Glut ist noch nicht ausgetreten.

          Der Kern des Konflikts: Die Leiter der beruflichen Schulen sahen sich gegenüber allgemeinbildenden Schulen im Nachteil bei der Frage, wie sie ihrer Unterrichtsverpflichtung nachkommen können. Weil es seit Jahren keiner Berufsschule in Hessen gelungen sei, die Stundentafel abzudecken, gingen die Direktoren an die Öffentlichkeit und forderten mehr Stellen. Heute wie damals sind diese Schulen in einer besonderen Lage. Sie sind eng mit der Wirtschaft verzahnt, das lässt ihre Leiter öffentlichkeitsbewusster auftreten als die Direktoren etwa von Gymnasien oder Grundschulen.

          Berufsschullehrer kennen vom Arbeitsleben meistens mehr als Klassenzimmer. Die Einrichtungen bieten eine Vielzahl von Abschlüssen an, sie sind auch ein Auffangbecken für jene, die eine allgemeinbildende Schule ohne Abschluss verlassen. Berufliche Schulen haben große Kollegien und Etats, die viele selbständig verwalten. Vor der jüngsten Landtagswahl meldete sich die AGD zum Thema Fachkräftemangel zu Wort und hob den Wert der Berufsschulen als Orte für die Berufsorientierung hervor.

          Herlein kritisiert das Beamtenrecht

          Wäre die Dienstzeit des Schulleiters Herlein verlängert worden, argumentiert das Kultusministerium, hätte das die Personalplanung erschwert und die Chancen jüngerer Leute behindert, eine Leitungsstelle zu erhalten. An der Adolf-Reichwein-Schule seien die Planstellen gar nicht alle besetzt, Aspiranten auf den Schulleiter-Job gebe es nicht, hält Herlein dagegen. In der Ablehnung seines Antrages vermutet er so etwas wie Rache für unbequemes Verhalten. Seine Kollegen in der Arbeitsgemeinschaft der Berufsschuldirektoren sehen das ähnlich. Dieser Tage haben sie ihn aufgefordert, Vorsitzender zu bleiben.

          „Ist das Beamtenrecht in Hessen optimal?“ Die Frage meint Herlein rhetorisch, denn seiner Meinung nach ist es das nicht. „Alle, die einen Antrag stellen, bekommen ihn nicht bewilligt“, sagt er, das sei in anderen Ländern anders. Wirklich hatten etwa in Hamburg in den vergangenen Jahren die dortigen Regelungen so viele Beamte vor allem der Polizei genutzt, dass der Senat 2013 eine Änderung des Landesbeamtengesetzes ankündigte, zugunsten von Behördeninteressen.

          Dass sich der neue Landtag in Wiesbaden mit dem Hessischen Beamtengesetz befassen möge, wünscht sich Norbert Herlein, umfangreichen Schriftverkehr dazu hat er allen Fraktionen zukommen lassen. Fast 16000 Euro hat er nach eigenen Worten in die juristischen Auseinandersetzungen investiert. Die endgültige Ablehnung seines Antrags durch den Hessischen Verwaltungsgerichtshof hat er akzeptiert, „nun reicht es“. Ärger empfindet er dennoch, auch über die großen Linien der Politik. Die einen sollen abschlagsfrei mit 63 Jahren in Rente gehen können, andere bis 67 arbeiten müssen, wieder andere nicht dürfen, „das passt doch alles inhaltlich nicht zusammen“.

          Weitere Themen

          Fest, Flieger, Fahrer gesucht

          F.A.Z.-Hauptwache : Fest, Flieger, Fahrer gesucht

          Hunderttausende haben am Wochenende das Museumsuferfest besucht, das Verkehrschaos beherrscht Sachsenhausen und über Inlandsflüge wird heftig diskutiert. Was sonst noch wichtig ist, lesen Sie in der F.A.Z.-Hauptwache.

          Topmeldungen

          Proteste gegen China : Hongkong ist eine Gefahr für die Weltwirtschaft

          Chinas innenpolitischer Konflikt bedroht die ohnehin schon trübe Weltkonjunktur. Auch Pekings Vorgehen gegen die Fluggesellschaft Cathay sollte deutschen Unternehmen eine Warnung sein – denn auch Daimler und Lufthansa gerieten schon mal ins Fadenkreuz.
          Anne Will diskutiert mit ihren Gästen über die Soli-Abschaffung

          TV-Kritik: Anne Will : Wiederbelebung der Neiddebatte

          Die SPD hatte bisher das einzigartige Talent, die Probleme ihrer Konkurrenz zu den eigenen zu machen. Bei der Debatte um den Solidaritätszuschlag scheint das anders zu sein, wie bei Anne Will zu beobachten war.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.