https://www.faz.net/-gzg-8ysmv

„Pension Schöller“ : Wenn Heinz Schenk das hätte sehen können

  • -Aktualisiert am

Kodderschnauzen: Szene aus „Pension Schöller“ Bild: Robert Schittko

Sinnfreie Späße sind die sinnvollsten: „Pension Schöller“ am Staatstheater Darmstadt. Mit der Posse von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs kann man wenig verkehrt machen.

          Es zählt zu den ehrenwerten Traditionen des Staatstheaters Darmstadt, dass den Mitgliedern der Hessischen Spielgemeinschaft 1925 e.V. regelmäßig Gelegenheit gegeben wird, ihr Können auf der Bühne des bei solchen Gelegenheiten gar nicht Kleinen Hauses des Staatstheaters unter Beweis zu stellen. Denn für den großen Zuschauerraum sind die Stimmen mancher Laien denn doch ein wenig zu dünn, und so mancher vermeintlich treffsicher plazierte Kalauer verliert sich auf dem Weg zu den Ohren des Publikums. Damit ist aber auch schon das einzige Manko dieses aus gutem Grund auf Nummer Sicher gehenden Komödienabends benannt.

          Mit der Posse „Pension Schöller“ von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs kann man wenig verkehrt machen, Spielwitz und Engagement der Darsteller sind die halbe Miete, und wenn dann noch die Regie für das notwendige Tempo und ein ruckfreies Ineinandergreifen der Slapstickzahnrädchen sorgt, kann so gut wie nichts mehr schiefgehen. Interpretatorische Tiefgrabungen erwartet bei dieser ebenso sinnfreien wie durchgeknallten Posse ohnehin niemand, „Pension Schöller“ ist tiefgelegter Boulevard, zugleich aber Volkstheater im allerbesten Sinn des Wortes.

           

          Und so schadet es dem Lustspiel auch keineswegs, dass Judith Kunerts Inszenierung das Stück aus dem Berlin der vorigen Jahrhundertwende ins Südhessische übersetzt hat. Marga Hargefelds Textfassung macht aus dem Provinzpreußen Klapproth folgerichtig einen Hofbesitzer aus Dieburg, der nach Darmstadt kommt, um dort den Abenteuerduft der Großstadt zu schnuppern. Ob Darmstadt als lasterhafte Metropole taugt, mag dahingestellt bleiben, das fröhlich blubbernde Datterich-Hessisch, das die Laienschar den Protagonisten in den Mund legt, passt jedenfalls prächtig. Vor allem wenn es von einer waschechten Kodderschnauze wie dem Klapproth-Darsteller Heinz Neumann kommt.

          Der pensionierte Maschinenbauingenieur tollt herrlich überdreht durch den Blödsinn, macht am Anfang ganz auf Weltmann, um dann sofort als reichlich naives Landei dazustehen. Als nach der Pause die von ihm für Irre gehaltenen Insassen der Pension Schöller den Weg nach Dieburg finden und er gar nicht genug verschließbare Zimmer für die Gäste der Pension finden kann, die ja tatsächlich höchst exzentrisch sind, spielt Neumann die Karikatur eines sich aufblähenden Kleinbürgers, der die gerufenen Geister nicht mehr loswird, so skrupellos übertrieben wie ein Heinz Schenk zu seinen besten Zeiten. Der klug gekürzte Text schnurrt auf knapp zwei Stunden Spielzeit zusammen, manch unnötige Schleife ist gestrichen, manch weitere Drehung der Nonsensschraube wurde gespart. Zur umsichtigen Verwendung der Mittel passen das auf schwarzweiße Streifen und reichlich Karos setzende Bühnenbild Gesine Kuhns und die Kostüme Veronika Sophia Bischoffs. Die Drehbühne mit der Zimmerflucht im Obergeschoss kam schon vorige Spielzeit in Michael Frayns „Der nackte Wahnsinn“ zum Einsatz. Ökonomischer geht’s kaum.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gletscher Okjökull : Das Eis verlässt Island

          Die Gletscherschmelze ist ein eindrückliches Merkmal der Klimaerwärmung: Der einstige Gletscher Okjökull auf Island ist heute keiner mehr. Die isländische Ministerpräsidentin appelliert an die Weltgemeinschaft.
          In einem Gedenkgottesdienst nehmen Angehörige, Freunde und Nachbarn Abschied von dem achtjährigen Jungen

          Nach Frankfurter Gewaltat : Abschied von getötetem Achtjährigen

          Nach der grausamen Tat am Frankfurter Hauptbahnhof haben Angehörige, Freunde und Nachbarn in einem Gedenkgottesdienst Abschied von dem getöteten Jungen genommen. Auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier war anwesend.
          Angestellte von Google und Youtube beim Gay Pride Festival in San Francisco, Juni 2014

          Trump gegen Google : Man nennt es Meinungsfreiheit

          Ohne das Internet wäre Donald Trump wohl nicht amerikanischer Präsident geworden. Jetzt beschwert er sich über politische Ideologisierung bei Google. Aus dem Silicon Valley schallt es zurück.
          Im Jahr 2016 ist es in Kalkutta zwar noch wuseliger, aber die Anzahl der Läden und Fahrzeuge deuten auf einen Entwicklungsfortschritt hin.

          Wohlstand, Gesundheit, Bildung : Der Welt geht es immer besser

          Kurz bevor er starb, hat der schwedische Arzt Hans Rosling noch ein Buch geschrieben. Es hat eine zutiefst erschütternde These: Der Zustand der Welt verbessert sich, doch keiner bekommt es mit. Woran liegt das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.