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Paul Wolff : Der Frankfurter Entdecker der Leica

  • -Aktualisiert am

Paul Wolff ist einer der Ersten gewesen, die Leica ausprobiert und dann nie wieder hergegeben haben. Seine Schwarzweißaufnahmen - unter anderem von der Altstadt - machten den vor 125 Jahren geborenen Fotografen berühmt.

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          Ein halbes Jahrhundert lang war Paul Wolff vergessen. Sein Tod im April 1951 beendete seltsamer Weise den Ruhm eines Fotografen, der kein experimentierfreudiger Veränderer von Sehgewohnheiten war, sondern einfach ein hervorragender Schwarzweiß-, später auch Farbgestalter mit einer kleinen Kamera. Es schien, als sei diese gerade zur richtigen Zeit auf den Markt gekommen. Denn Wolff war einer der Ersten, die diese Leica - zögernd - zur Hand nahmen und dann nicht mehr hergaben. Doch später ging sein Name unter in der anschwellenden Bilderflut. 2001 endlich widmete der oberhessische Kamerahersteller in seiner New Yorker Galerie dem Frankfurter eine große Retrospektive, und drei Jahre später wurde Wolff in der Publikation "Die Leica - Zeugin eines Jahrhunderts" endgültig als wiederentdeckter Pionier gefeiert, einer wie Cartier-Bresson oder Feininger.

          Paul Wolff wurde vor 125 Jahren, am 19. Februar 1887, im elsässischen Mülhausen geboren. Schon als Medizinstudent griff er zu einer der damaligen Plattenkameras und veröffentlichte einen Bildband über Alt-Straßburg. Unhandlich waren die Apparate wegen ihres großen Bildformats und langsam. In den Zwanzigern siedelte Wolff mit Frau und Kind nach Frankfurt über und gründete eine Bildagentur für Buchillustration und Industriewerbung. Der "Altstadtvater" Fried Lübbecke begann sich für Wolffs Arbeit zu interessieren und brachte ihn dazu, das mittelalterliche Stadtbild rund um den Dom zu dokumentieren - vornehmlich als Idylle.

          Barnacks Schöpfung

          Wolff lernte den Fotografen Alfred Tritschler kennen und stellte ihn ein. Es war die Zeit, als bei Ernst Leitz in Wetzlar der Ingenieur Oskar Barnack endlich seine Schöpfung, an der er seit 1913 arbeitete, der noch nicht sonderlich überzeugten Öffentlichkeit präsentieren konnte. Wolff fing an, mit einem der ersten zierlichen Exemplare der feinmechanischen Kamera zu arbeiten. Fortan liefen zwei Linien parallel: die Weiterentwicklung der Erfindung aus Wetzlar und die Neugier des Frankfurter Fotografen. Zwanzig Jahre lang machte Wolff die "Schraub-Leica", deren Wechselobjektive mit einem mehrfachen Dreh am Kameragehäuse befestigt wurden, populär, auch mit der volkspädagogischen Ermahnung "Nicht knipsen, gestalten!"

          Er schilderte die Eigenschaften der kurzen, mittleren und langen Festbrennweiten leichtverständlich, wenn auch nicht ganz ohne schöpferisches Pathos. Für ein stetig anwachsendes Publikum schrieb Wolff sein erfolgreiches Sachbuch "Meine Erfahrungen mit der Leica", das 1934 erschien. Mehrere Auflagen folgten. Der Ratgeber steht heute noch unter Leica-Enthusiasten in hohem Ansehen - ein Exemplar des 41. bis 45. Tausends wird von Foto Rahn, dem Frankfurter Leica-Fachgeschäft und Antiquariat am Salzhaus, wie ein Augapfel gehütet.

          Für die Bearbeitung der Zelluloidnegative im Format 24 mal 36 Millimeter - auf ihm beruhen auch die Abmessungen des Sensors für das heutige digitale Kleinbild-Vollformat - gab Wolff den Rat "Belichte reichlich, entwickle kurz". So hatte er im Labor gelernt, übermäßiges "Korn" zu vermeiden. Wolff fotografierte vor allem mit dem "Elmar" 3,5 der Brennweiten 35 und 50, zwei frühen Schöpfungen des Optikdesigners Max Berek, sowie mit dem lichtstärkeren 50er "Summar". Exotisch wirkte das 200er "Telyt", für das er an der kleinen Messsucherkamera den Visoflex-Spiegelkasten und eine Mattscheibe benötigte.

          Farbfotografie volkstümlich gemacht

          So entstanden zum Beispiel auch die Bilder von den Olympischen Spielen im Jahr 1936, die für Wolff als politisches Massenspektakel ebenso verführerisch waren wie für die Dokumentarfilmerin Leni Riefenstahl. Der Bildband über Opel "Im Kraftwerk von Rüsselsheim" zeigte Wolff dann von einer ganz anderen Seite, ebenso das Buch "Arbeit". Bei diesen Industrieaufnahmen sah sich der Fotograf vor besondere Schwierigkeiten gestellt, hervorgerufen durch große Gegensätze zwischen hellsten und dunkelsten Stellen im Motiv, bei denen man oft mit künstlichem Licht gar nichts ausrichten konnte.

          1944 zerstörte eine Bombe zwar sein Haus und seinen Firmensitz an der Miquelallee, aber viele Negative waren außerhalb Frankfurts in einem Brauereikeller gelagert und blieben erhalten. Sie werden im Archiv Dr. Paul Wolff & Tritschler in Offenburg aufbewahrt.

          Der Leica-Pionier machte auch noch die Farbfotografie volkstümlich. Er verteidigte sie gegen den Vorwurf, das sei "Kitsch", mit dem Argument, nach dem Stummfilm sei auch der Tonfilm im Kino inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Der Verweis auf dieses Medium erschien als besondere Pointe: Denn Barnack hatte in Wetzlar seine Ur-Leica um den Standardkinofilm herum konstruiert, indem er die Fläche des Einzelbilds verdoppelte. So war der kleine, aber detailreiche "Speicher" geboren, der aufbewahrte, was die Augen Paul Wolffs und unendlich vieler anderer Fotografen sahen.

          Die Tage an der Börse sind gezählt Wer mutig war, griff Anfang 2009 zur Aktie der Leica Camera AG. Und wurde reichlich belohnt. Denn seither ist der Kurs um bemerkenswerte 1450 Prozent gestiegen. Derzeit pendelt er um die Marke von 31 Euro. Das hat einen einfachen Grund: Nach jahrelangen rechtlichen Streitigkeiten mit Kleinaktionären hat der Leica-Hauptanteilseigner Lisa Germany Holding die Höhe der beschlossenen Zwangsabfindung festgelegt. Wie Lisa im Januar meldete, erhält jeder Minderheitsaktionär je Schein genau 30,18 Euro. Wenn der Zwangsausschluss vollzogen ist, wird Leica von der Börse genommen. Das heißt: Wer die Aktie jetzt noch zu etwa 31 Euro erwirbt, riskiert sehenden Auges Kursverluste. Der starke Kursauftrieb ist aber nicht nur mit den Streitereien um die Höhe der Zwangsabfindung zu erklären, sondern auch mit der wirtschaftlichen Lage von Leica, die sich zuletzt stark verbessert hat. Vor drei Jahren schien das Unternehmen an einem neuen Tiefpunkt angelangt, nachdem es bereits eine wechselvolle, von Schrumpfkuren geprägte Geschichte hinter sich gebracht hatte. Leica hatte sich zu lange auf seinen guten Ruf unter Fotofans verlassen und zu spät auf technische Neuerungen reagiert. So sprang das Unternehmen etwa zu spät auf den Zug der Digitalfotografie auf und verlor Kunden. Das hat sich mittlerweile geändert. Für das Geschäftsjahr 2008 musste der Vorstand noch einen Verlust von fast fünf Millionen Euro melden, nach einem Gewinn von 2,8 Millionen Euro im Jahr zuvor und einem kleinen Plus von 331 000 Euro im Vorkrisenjahr 2007. Zudem hatte die gut 1100 Mitarbeiter zählende Leica Camera AG 2008 nur noch gut 134 Millionen Euro umgesetzt - genau 22 Millionen Euro weniger als im Vorjahr. Nach dem Ende der Rezession erwirtschaftete das Unternehmen mit neuen Produkten aber wieder mehr Umsatz und schaffte die Ertragswende. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2010/11 konnte Leica die Erlöse gegenüber dem Vorjahr um fast die Hälfte auf 249 Millionen Euro erhöhen und den Jahresüberschuss auf 35,5 Millionen Euro mehr als verzehnfachen. Im laufenden Geschäftsjahr steigen Umsatz und Gewinn weiter. Für die ersten Monate stehen Erlöse von knapp 224 Millionen Euro und ein Gewinn vor Zinsen und Steuern von 49,6 Millionen Euro zu Buche. Als Gründe gab Leica vor wenigen Tagen die starke Nachfrage nach Digitalkameras und Sportoptik an. (thwi.)

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