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Partnervermittlung „Schatzkiste“ : Erst zu dritt, dann das Glück

  • -Aktualisiert am

Verliebt: Jens und Denise bei einem Spaziergang in Frankfurt Bild: Wresch, Jonas

Auf der Suche nach der großen Liebe sind Behinderte wie alle anderen Menschen auch. Die Partnervermittlung „Schatzkiste“ verhilft ihnen zu Rendezvous. Und manchmal zündet dann der Funke.

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          Bei ihrem ersten Date sind Denise und Jens nicht allein. Mit am Tisch in einem Café am Frankfurter Hauptbahnhof sitzt bei Kaffee und Torte Juliane Werthmann und hilft den beiden beim Kennenlernen. Am Anfang reden sie über die Arbeit, die Interessen und Hobbys. „Über was man eben beim ersten Date spricht“, sagt Jens im Rückblick. Schüchtern und zurückhaltend seien die beiden gewesen, erinnert sich Werthmann, so wie die meisten es beim ersten Rendezvous sind. „Doch dann haben sie nicht mehr aufgehört zu quatschen.“ Eine Weile blieb Werthmann noch stumm dabei und hat die beiden dann irgendwann allein gelassen. Mission erfüllt.

          Eine Date-Assistentin wie Werthmann, die Stichworte liefert, wenn das erste Gespräch stockt, wünschen sich wohl viele. Doch Werthmanns Hilfe richtet sich nicht an gewöhnliche Singles, sondern an Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung. „Oft wird vergessen oder tabuisiert, dass auch Menschen mit Behinderung auf der Suche nach der großen Liebe sind“, sagt Werthmann. Seit vier Jahren arbeitet die Diplom-Sozialarbeiterin für den bundesweiten Verein „Schatzkiste“, der 1998 in Hamburg gegründet wurde und diese besondere Partnervermittlung betreibt. In fast allen großen Städten der Rhein-Main-Region gibt es Dependancen des Vereins, in Frankfurt seit Februar 2009. Die „Schatzkisten“ arbeiten immer mit Trägern der Behindertenhilfe zusammen, in Frankfurt sind es die Caritas und das Konrad-von-Preysing-Haus am Ziegelhüttenweg im Stadtteil Sachsenhausen.

          „Ein richtiger Gentleman ist er“

          Denise und Jens sind, nachdem sie im Café waren, noch zusammen in der Stadt spazieren gegangen und haben den übrigen Tag zusammen verbracht. Am Abend habe Jens sie bis nach Hause vor die Tür gebracht, sagt Denise, nach Raunheim, wo sie in dem Haus der Eltern eine eigene Dachgeschosswohnung hat. Er wohnt in einer eigenen Wohnung im Frankfurter Stadtteil Oberrad. „Ein richtiger Gentleman ist er“, sagt die 28 Jahre alte Denise über Jens. „Ich bin ein ganz besonderes Kaliber“, antwortet der 30 Jahre alte Mann. Mit einem flüchtigen Kuss auf den Mund gibt Denise ihre Zustimmung und wird dabei ganz rot im Gesicht. Am Tag nach dem Date, bei dem Juliane Werthmann dabei war, haben sie sich gleich wiedergesehen. Seit mehreren Wochen sind sie ein Paar.

          Zwei Jahre lang hat Jens mit Hilfe der „Schatzkiste“ nach einer Partnerin gesucht, bis er Denise kennengelernt hat. Beide haben eine geistige Behinderung und lernen deutlich langsamer als andere. Denise ist erst im Juni dieses Jahres auf das Angebot der „Schatzkiste“ gestoßen. Ihre Eltern haben sie auf die Idee gebracht. Ihr sei ganz alleine immer so langweilig gewesen, sagt sie. Dann hätten ihre Eltern beschlossen: Du brauchst einen Freund.

          Nicht immer springt der Funke so leicht über

          Nicht immer springe der Funke so leicht über wie bei diesen beiden, sagt Partnervermittlerin Werthmann. Denise und Jens seien eine Ausnahme. „Eine Garantie zum Verlieben“ gebe es nicht, und doch hätten sich in Frankfurt vier Paare mit Hilfe der „Schatzkiste“ gefunden, seit diese ihre Arbeit aufgenommen hat.

          Zehn Frauen und vierzig Männer sind in der Frankfurter Kartei. Die Männer müssten lange Wartezeiten in Kauf nehmen, sagt Werthmann. Viele seien schnell frustriert und wollten sich nach ein paar Tagen wieder austragen, weil noch kein Partnervorschlag gekommen sei. „Da mache ich Mut und bitte um Geduld.“ Wer mit Hilfe der „Schatzkiste“ auf Partnersuche gehen möchte, erstellt ein Profil über sich, in dem die eigenen Hobbys, Interessen, Charakterzüge und natürlich der Wunschpartner beschrieben sind. Ein Foto kommt auch noch dazu. Die Anmeldung kostet zehn Euro. Nur Menschen mit Behinderung werden in die Kartei aufgenommen.

          Ein Partner, kein Lebensassistent

          Werthmann ist nicht nur Date-Assistentin, sondern spielt auch Amor. Denn anders als bei Partnerbörsen, bei denen sich jeder selbst den Datepartner aussucht, entscheidet sie anhand der Selbstbeschreibung und des Partnerwunschs, wer zueinander passen könnte. Auch die Behinderung spiele eine Rolle, sagt Werthmann. Sie versuche Menschen mit ähnlicher Beeinträchtigung zusammenzubringen, weil sie sich gegenseitig unterstützen könnten. „Einen Lebensassistenten suche ich aber nicht aus.“

          Scheinen zwei Menschen zusammenzupassen, verschickt Werthmann die Fotos der potentiellen Datepartner. Stimmen beide einem Treffen zu, arrangiert die Sozialarbeiterin ein Rendezvous. Viele Treffen, sagt sie, scheiterten dann aber schon daran, dass einige nicht ohne weiteres mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen könnten. Oft muss die Begegnung auch mit Eltern oder Betreuern koordiniert werden. Nicht immer klappt das, zu aufwendig ist mitunter in den einzelnen Familien und Einrichtungen schon der ganz normale Alltag zu organisieren.

          Das erste Date mit 40 Jahren

          Einsame suchen Zweisamkeit, das ist die Grundlage jeder Partnervermittlung, ob für Behinderte oder Nichtbehinderte. Vieles ist hier wie da, vieles aber auch anders. Ihre wichtigste Aufgabe, sagt Juliane Werthmann, sei die Beratung der Suchenden, denn falsche Erwartungen und mangelnde Erfahrung mit dem anderen Geschlecht seien die größten möglichen Stolpersteine bei einer ersten Begegnung. Die Beraterin sagt ihren Kunden, dass das mögliche Gelingen schon bei Kleinigkeiten anfange, dass man sich zum Beispiel schick kleiden sollte oder den anderen mit seinen Wünschen und Erwartungen nicht überrumple. „Das fehlende Wissen ist nicht überraschend. Einige haben mit 40 Jahren zum ersten Mal ein Date.“

          Wer zu ihr komme mit der Sehnsucht nach einem Gefährten, habe oft Vorstellungen, die kaum zu erfüllen seien, sagt Werthmann auch, träume von makellosen Männern oder Frauen, wie Plakate und Fernsehwerbung sie zeigen. Solche Sehnsüchte, wie unrealistisch sie auch sein mögen, hätten wohl Menschen mit und ohne Handicap, meint die Vermittlerin.

          Mehr Ecken und Kanten, aber nicht weniger liebenswert

          Um Sexualität und Geschlechtsverkehr gehe es bei der Partnersuche Behinderter nicht in erster Linie, sagt Werthmann. Das sei zweitrangig, auch weil meist die Erfahrung körperlicher Liebe fehle. Vordergründig und am drängendsten sei der Wunsch nach Vertrautheit und nach jemandem, mit dem man gemeinsam die Freizeit verbringen könne. Viele Behinderte erlebten auch als Erwachsene körperliche Nähe nur mit Eltern und Betreuern. Intimität mit dem Partner sei aber auch für sie wichtig. Dabei gehe es zuerst um Selbstverständlichkeiten wie Händchenhalten, Kuscheln und Küsse, sagt Werthmann. Im Grunde, meint sie, seien doch die Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen bei der Suche nach einem Partner sehr gering. „Die Suchenden der ,Schatzkiste‘ haben vielleicht mehr Ecken und Kanten als andere, sie sind aber nicht weniger liebenswert.“

          „Als ich das Bild von Jens bekommen habe, habe ich mich sofort verliebt“, sagt Denise. Jens grinst vor Glück. Der Alltag des Paares gleicht dem zahlloser anderer. Nach Feierabend verbringen sie viel Zeit zusammen. Denise arbeitet in einer Behindertenwerkstatt in Wiesbaden, Jens ist Büroangestellter der Caritas in Frankfurt. „Wir kuscheln sehr gerne vorm Fernseher“, sagt Denise und blickt ihrem Freund tief in die Augen. „Mit ihm ist es nicht mehr so langweilig“, sagt sie. Vor kurzem waren sie auf der Dippemess. Er hat ihr ein Kissen in Herzform gekauft, das mit einem Bild von ihm bedruckt ist. Darüber steht: „Ich liebe Dich!“

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