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Partnervermittlung „Schatzkiste“ : Erst zu dritt, dann das Glück

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Ein Partner, kein Lebensassistent

Werthmann ist nicht nur Date-Assistentin, sondern spielt auch Amor. Denn anders als bei Partnerbörsen, bei denen sich jeder selbst den Datepartner aussucht, entscheidet sie anhand der Selbstbeschreibung und des Partnerwunschs, wer zueinander passen könnte. Auch die Behinderung spiele eine Rolle, sagt Werthmann. Sie versuche Menschen mit ähnlicher Beeinträchtigung zusammenzubringen, weil sie sich gegenseitig unterstützen könnten. „Einen Lebensassistenten suche ich aber nicht aus.“

Scheinen zwei Menschen zusammenzupassen, verschickt Werthmann die Fotos der potentiellen Datepartner. Stimmen beide einem Treffen zu, arrangiert die Sozialarbeiterin ein Rendezvous. Viele Treffen, sagt sie, scheiterten dann aber schon daran, dass einige nicht ohne weiteres mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen könnten. Oft muss die Begegnung auch mit Eltern oder Betreuern koordiniert werden. Nicht immer klappt das, zu aufwendig ist mitunter in den einzelnen Familien und Einrichtungen schon der ganz normale Alltag zu organisieren.

Das erste Date mit 40 Jahren

Einsame suchen Zweisamkeit, das ist die Grundlage jeder Partnervermittlung, ob für Behinderte oder Nichtbehinderte. Vieles ist hier wie da, vieles aber auch anders. Ihre wichtigste Aufgabe, sagt Juliane Werthmann, sei die Beratung der Suchenden, denn falsche Erwartungen und mangelnde Erfahrung mit dem anderen Geschlecht seien die größten möglichen Stolpersteine bei einer ersten Begegnung. Die Beraterin sagt ihren Kunden, dass das mögliche Gelingen schon bei Kleinigkeiten anfange, dass man sich zum Beispiel schick kleiden sollte oder den anderen mit seinen Wünschen und Erwartungen nicht überrumple. „Das fehlende Wissen ist nicht überraschend. Einige haben mit 40 Jahren zum ersten Mal ein Date.“

Wer zu ihr komme mit der Sehnsucht nach einem Gefährten, habe oft Vorstellungen, die kaum zu erfüllen seien, sagt Werthmann auch, träume von makellosen Männern oder Frauen, wie Plakate und Fernsehwerbung sie zeigen. Solche Sehnsüchte, wie unrealistisch sie auch sein mögen, hätten wohl Menschen mit und ohne Handicap, meint die Vermittlerin.

Mehr Ecken und Kanten, aber nicht weniger liebenswert

Um Sexualität und Geschlechtsverkehr gehe es bei der Partnersuche Behinderter nicht in erster Linie, sagt Werthmann. Das sei zweitrangig, auch weil meist die Erfahrung körperlicher Liebe fehle. Vordergründig und am drängendsten sei der Wunsch nach Vertrautheit und nach jemandem, mit dem man gemeinsam die Freizeit verbringen könne. Viele Behinderte erlebten auch als Erwachsene körperliche Nähe nur mit Eltern und Betreuern. Intimität mit dem Partner sei aber auch für sie wichtig. Dabei gehe es zuerst um Selbstverständlichkeiten wie Händchenhalten, Kuscheln und Küsse, sagt Werthmann. Im Grunde, meint sie, seien doch die Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen bei der Suche nach einem Partner sehr gering. „Die Suchenden der ,Schatzkiste‘ haben vielleicht mehr Ecken und Kanten als andere, sie sind aber nicht weniger liebenswert.“

„Als ich das Bild von Jens bekommen habe, habe ich mich sofort verliebt“, sagt Denise. Jens grinst vor Glück. Der Alltag des Paares gleicht dem zahlloser anderer. Nach Feierabend verbringen sie viel Zeit zusammen. Denise arbeitet in einer Behindertenwerkstatt in Wiesbaden, Jens ist Büroangestellter der Caritas in Frankfurt. „Wir kuscheln sehr gerne vorm Fernseher“, sagt Denise und blickt ihrem Freund tief in die Augen. „Mit ihm ist es nicht mehr so langweilig“, sagt sie. Vor kurzem waren sie auf der Dippemess. Er hat ihr ein Kissen in Herzform gekauft, das mit einem Bild von ihm bedruckt ist. Darüber steht: „Ich liebe Dich!“

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