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Partnersuche im Alter : Flirten für Fortgeschrittene

  • -Aktualisiert am

Spätes Glück: Einer Umfrage zufolge empfinden 65 Prozent der Senioren auch im Alter noch Liebesgefühle. Und viele würden sich auch noch einmal auf eine neue Beziehung einlassen. Bild: Unlisted Images / vario images

Mit dem Alter wird es schwerer, einen neuen Partner zu finden. „Slow Dating“ soll helfen. Der Testlauf war vielversprechend, auch wenn sich eines der Geschlechter rarmacht.

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          Neunmal musste es gongen, bis es leise Klick gemacht hat. Er ist 80, sie hat ein paar weniger Lebensjahre hinter sich. Nervös sind sie trotzdem beide, als sie einander gegenübersitzen mit kleinen Schildern, auf denen ihr Vorname steht, am Revers, in einem kleinen Restaurant in der Innenstadt. Ulrike hört zwar nicht mehr so gut, aber was Hans sagt, findet sie gleich lustig. Er wiederum merkt, dass Ulrike die Art von Frau ist, die er mag. Dass sie Freiheit so sehr schätzt wie er und keine Lust hat, ihm die Lebensfreude zu nehmen.

          Neun Minuten bleiben ihnen nur. Dann gongt es schon wieder, und ihre gemeinsame Zeit ist fürs Erste vorbei. So läuft das beim „Slow Dating“, also eigentlich genau wie beim „Speed Dating“, das für einsame junge Leute erfunden worden ist. Doch an diesem Abend sitzen einander 18 Damen und Herren gegenüber, die über 60 Jahre alt sind. Der Gong zeigt an, dass die Herren einen Platz weiterziehen müssen. Die Damen dürfen sitzen bleiben.

          Akuter Männermangel

          Das „Slow Dating“ ist ein Gemeinschaftsprojekt. Pro Familia gehört zu den Partnern und der Evangelische Regionalverband. Seit Jahren versuchen sie schon, Senioren für Themen wie Partnerschaft und Liebe zu begeistern. Dann laden sie zu Flirtkursen, Tanzabenden oder nun eben zum „Slow Dating“. „Das war eigentlich eine logische nächste Eskalationsstufe“, sagt Matthias Hüfmeier vom Frankfurter Verband für Altenhilfe.

          Dank ihrer Erfahrung haben die Initiatoren auch erwartet, was nach ihrer Ankündigung passiert ist: Während sich genug Damen für eine lange Warteliste meldeten, herrschte akuter Männermangel. Dafür gibt es wohl viele Gründe. Einer dürfte sein, dass sich Männer aus dieser Generation generell schwerer tun mit sozialen Kontakten. Die herkömmliche Rollenverteilung habe dazu geführt, dass sie sich eher auf den Beruf konzentriert hätten, als einen Freundeskreis und ein Vereinsleben zu pflegen, meint Barbara Hedtmann vom Evangelischen Regionalverband. Wer das trotzdem getan habe, wagt sich auch im hohen Alter noch aus dem Haus, auch wenn die Frau gestorben ist.

          So wie Hans. Früher spielte er Tischtennis, später ging er aus zum Tanzen. Von seiner Frau hat er sich scheiden lassen, seine letzte Partnerin ist vor zwei Jahren gestorben. Nun macht er sich Gedanken über sein Ende. „Ich will nicht alleine sterben“, sagt er. Aber einengen lassen möchte er sich auch nicht. Eine Senioren-WG könnte er sich durchaus vorstellen, aber die richtigen Mitbewohner hat er noch nicht gefunden. „Und in meinem Alter schaut einen eigentlich keine Frau mehr an“, glaubt er.

          Liebe und Sex im Alter

          Stimmt nicht, könnte Ulrike nun sagen. Sie kann sich eigentlich nicht mehr vorstellen, dass sie noch einmal mit einem Mann zusammenleben wird. Aber man weiß ja nie. Zehn Jahre ist es her, dass ihr Mann gestorben ist. Danach hat sie sich um ihre Enkel gekümmert, nun ist sie wieder „auf Markt“ - wenn es den überhaupt gibt.

          Glaubt man der Sexualpädagogin Claudia Hohmann von Pro Familia, gibt es den selbstverständlich. Schließlich gebe es auch Online-Portale, auf denen sich Senioren kennenlernen können. Für manche funktioniere das sehr gut, für andere nicht. Daher organisiert sie Abende wie das „Slow Dating“. Die Motivation der Teilnehmer variiere dabei von „mal gucken“ bis zur Suche nach einem festen Partner. Einer Umfrage des Instituts für würdevolles Altern zufolge empfinden immerhin 65 Prozent der Senioren noch Liebesgefühle. Vier von zehn gaben an, ein erfülltes Liebes- und Sexualleben zu haben.

          Erst „Slow Dating“, dann alte Schule

          Das Interesse am „Slow Dating“ zeigt, dass die restlichen 60 Prozent nicht nur zu Hause hocken wollen. Doch nicht alle Tischgespräche verlaufen vielversprechend. Einer der Herren blickt gleich nach einem der ersten Gongs in ein bekanntes Gesicht. Die Dame hat er schon einmal getroffen, als sie sich auf seine Annonce in einer Zeitung gemeldet hatte. Die folgenden neun Minuten seien etwas verkrampft gewesen, schließlich war schon das erste Treffen ohne große Emotionen zu Ende gegangen.

          Von großen Gefühlen wollen auch Ulrike und Hans nicht sprechen. Aber wenn sie an den Abend denken, umspielen Lachfältchen ihre blauen Augenpaare. Drei Kreuze darf jeder Teilnehmer nach dem letzten Gong machen. Beruhte das Interesse auf Gegenseitigkeit, bekamen sie die Kontaktdaten des anderen. Hans wollte nur Ulrike näher kennenlernen. Ein paar Tage hat er gewartet, sich dann bei ihr gemeldet. Alte Schule. Sie haben einander schon wiedergesehen. Und jetzt? Zur Antwort gibt es ein entschiedenes „Mal sehen“.

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