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Partikeltherapie in Marburg : Leuchtturm oder Millionenflop

Das Land Hessen will, dass hier Patienten behandelt werden: Partikeltherapieanlage am Uni-Klinikum Marburg Bild: F.A.Z. - FOTO DIETER RÜCHEL

Sie sollte ein leuchtendes Beispiel werden für die moderne Behandlung von Krebskranken. Doch die Partikeltherapie-Anlage an der privatisierten Uni-Klinik Gießen und Marburg dient weiter nur der Forschung.

          Sie sollte ein leuchtendes Beispiel werden für die moderne Behandlung von Krebskranken in Hessen. So hatten es sich das Land und die Rhön-Klinikum AG als Gesellschafter des privatisierten Uni-Klinikums Gießen und Marburg gedacht, als sie vor sieben Jahren den Bau einer Partikeltherapieanlage in Mittelhessen vereinbarten. Tatsächlich hat die Rhön AG die Anlage in Marburg vom Medizintechnik-Anbieter Siemens Health Care auch bauen lassen. Nur Krebspatienten werden darin weiter nicht behandelt. Nun hat der Direktor des Krebszentrums, Jochen Dahm-Daphi, enttäuscht seinen Abschied verkündet. „Wir sind am Ende, ehe es begonnen hat“, sagt er. Es gibt aber noch Hoffnung. Bei Rhön heißt es: „Ein belastbarer Lösungsansatz ist nicht ausgeschlossen.“

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der schwelende Konflikt um die Aufnahme des Regelbetriebs in der Partikelanlage ist für alle Beteiligten peinlich. Das Land wollte sich mit einem Vorzeigeprojekt in der Krebstherapie schmücken und dadurch zum Krebsforschungszentrum in Heidelberg aufschließen, an dem Patienten mit ähnlicher Hochtechnologie behandelt werden. Rhön hat nach eigenen Angaben etwa 120 Millionen Euro investiert, das sind sogar 13 Millionen Euro mehr als vom Land gefordert. Doch vom Plan, nach dem Endausbau im Zwei-Schichten-Betrieb an sechs Tagen bis zu 120 Patienten zu behandeln, hat der Klinikbetreiber Abstand genommen. Vereinfacht gesagt, läuft die Anlage nicht schnell genug, um diese Zahlen zu gewährleisten. Ein Regelbetrieb wäre aus Sicht von Rhön unwirtschaftlich.

          „Versprechen nicht gehalten“

          In der Folge hat die Rhön Klinikum AG die Partikeltherapieanlage schon im vergangenen Jahr an Siemens Health Care übertragen; seitdem dient sie dem Unternehmen nur als Forschungsstätte. Denn als Anbieter dieser Technik darf Siemens selbst keine Patienten behandeln. Für Dahm-Daphi stehen die Schuldigen fest: Rhön und Siemens Health Care hätten ihr Versprechen nicht gehalten. Und offenbar glaubt der Strahlenbiologe nicht daran, dass noch Patienten von Therapiestrahlen aus dem Herzstück der Anlage, einem rund 50 mal 90 Meter messenden Teilchenbeschleuniger, profitieren werden.

          Genau dies soll jedoch bis Ende dieses Jahres geschehen - so sieht es die Übereinkunft von Rhön und Land vor. Und der Strahlenbiologie hätte auch eine Idee, wie das geschehen könnte. Die Deckungslücke, die bisher einen wirtschaftlichen Betrieb verhinderte, könnte durch die öffentliche Hand ausgeglichen werden. In Heidelberg ermöglicht die Deutsche Forschungsgemeinschaft den Regelbetrieb, wie es heißt.

          Drohgebärde aus Wiesbaden

          Auf seine Bereitschaft zu möglichen Subventionen für die Partikeltherapie angesprochen, antwortet das Wissenschaftsministerium ausweichend: Das Land bestehe weiter auf der Partikeltherapie und behalte sich vor, im Fall des Scheiterns 107 Millionen Euro von der Rhön AG zu verlangen. Zum Inhalt der laufenden Gespräche zu diesem Thema schweigt das Land. Ein Rhön-Sprecher ließ dazu wissen: „Die infrastrukturellen und baulichen Voraussetzungen sind beim Partikeltherapiezentrum weitestgehend vorhanden.“

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