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Palmengarten in Frankfurt : Pflanzenliebhaber und Menschenfreund

Geht in den Ruhestand: Palmengartendirektor Matthias Jenny Bild: Helmut Fricke

Als er nach Frankfurt kam, wollte der habilitierte Botaniker Matthias Jenny in Ruhe arbeiten. Doch ehe er sich versah, war er Chef des Palmengartens – und blieb 20 Jahre.

          3 Min.

          Matthias Jenny hat immer gewusst, was er am Palmengarten hat. Jedes Jahr wurde ihm das deutlich, wenn er die Leiter der anderen botanischen Gärten in Deutschland bei einer Konferenz traf. „Ich habe es besser als jeder andere“, dachte sich der langjährige Direktor des Frankfurter Parks dann ein ums andere Mal.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Jennys zentrale Aufgabe ist es, Menschen und Pflanzen zusammenbringen und die einen für die anderen zu interessieren. Viele andere botanische Gärten seien dagegen „beinahe geschlossene Räume für die Wissenschaft“. Etwa der Botanische Garten in Berlin-Dahlem, den Jenny aus seiner Zeit vor dem Wechsel an den Main bestens kennt: Der sei doppelt so groß wie der Palmengarten, habe aber nur halb so viele Besucher, sagt Jenny.

          Eine ständige Gratwanderung

          Gut 600 000 Besucher kommen jedes Jahr in das grüne Paradies im Westend. Und Jenny weiß, dass er ihnen dafür mehr bieten muss als Palmen unter Glas und Wiesen voller Krokusse. Es sei eine ständige Gratwanderung, den botanischen Ansprüchen zu genügen, die umfangreichen Sammlungen zu erhalten und zu erweitern, den öffentlichen Bildungsauftrag zu erfüllen und gleichzeitig den Besuchern Vergnügen zu bereiten.

          Dass der Palmengarten auch ein Erlebnispark sein soll, hat schon Gartenkünstler Heinrich Siesmayer vor 150 Jahren vorgegeben, als er die Idee für den von den Frankfurtern finanzierten Garten hatte. Damals hieß so etwas noch „Gesellschaftsanlage“, und die Menschen gingen dorthin, um sich zu amüsieren. Die exotischen Pflanzen waren seinerzeit die Hauptattraktion – aber schon damals war das an das Gesellschaftshaus angrenzende Palmenhaus zudem die „Flaniermeile des Festsaals“.

          Aus einer Familie von Ärzten und Naturwissenschaftlern

          Jenny wusste immer um diese Tradition und pflegte sie, wenn auch mitunter zähneknirschend. Wenn etwa zu dem bei den jungen Frankfurtern so beliebten Rosen- und Lichterfest mehr als 20 000 Besucher kamen, freute sich der Direktor in ihm. Der Botaniker Jenny, der seine wissenschaftliche Karriere bis zur Habilitation vorangetrieben hatte, aber litt, wenn im Dunkeln die Beete niedergetrampelt wurden und die Besucher Brandflecken hinterließen.

          Wenn jedoch Investoren zu ihm kamen und vorschlugen, das Tropicarium zu einer Wellness-Landschaft umzubauen, gern unter Einbeziehung der Pflanzen als die Atmosphäre steigernde Dekoration, dann war für den gebürtigen Schweizer, der aus einer Familie von Ärzten und Naturwissenschaftlern stammt – sein Urgroßvater war Kurdirektor von Arosa –, eine Grenze überschritten.

          Mit 61 Jahren der erste Smoking

          Ansonsten heiligt für Jenny der Zweck viele Mittel: Seit 2014 wird im Gesellschaftshaus alljährlich ein Frühlingsball ausgerichtet, eine Benefizveranstaltung für das Blüten- und Schmetterlingshaus, das die Idee und stets Herzensangelegenheit des Direktors war. Für den Ball kaufte sich Jenny mit 61 Jahren seinen ersten Smoking, und er übte Tanzschritte für seinen Auftritt auf dem Parkett. In drei Wochen, am 24. Februar, findet der nächste Frühlingsball statt. Er wird Jennys letzter großer Auftritt sein, ehe er in den Ruhestand geht.

          Ein „geborener Strahlemann“ sei er ohnehin nicht, sagt er. Aber das Repräsentieren, ob im Park oder in der Stadt, das Halten von Reden, das er mit wohlklingendem Schweizer Akzent und mit einer Prise charmanten Humors tut, ist ihm in seinen zwei Jahrzehnten als Chef zur Routine geworden. Er habe die Rolle des Direktors „leben und lieben gelernt“.

          Immer auf der Suche nach dem Interessenausgleich

          1995 war Jenny unter anderen Voraussetzungen von Berlin nach Frankfurt gekommen: Er bewarb sich auf die Stelle des „Innenministers“, des Stellvertreters, der sich um den Garten, die Wissenschaft und die Pädagogik kümmern sollte. „Ich wollte gerne als Oberkustos arbeiten.“ Doch nach nur wenigen Monaten quittierte die damalige Gartendirektorin Isolde Hagemann wegen früherer Stasi-Kontakte Hals über Kopf ihren Dienst. Jenny übernahm die Führung, erst kommissarisch, 1998 dann endgültig. Er kümmerte sich zum Schluss um 30 Hektar Park und 150 Mitarbeiter, darunter 100 Gärtner. 2012 hatte die Stadt den benachbarten Botanischen Garten der Universität übernommen und ihn dem Palmengarten eingegliedert.

          Nach seinen Erfolgen gefragt, verweist Jenny nicht auf Ausstellungen und Vorhaben, nicht auf das von ihm initiierte Angebot „Kinder im Garten“. Vielmehr sagt er, er habe die zerstrittenen Mitarbeiter der verschiedenen Arbeitsfelder wieder zusammengebracht. Techniker und Gärtner hätten damals über Kreuz gelegen. Und die Gärtner untereinander in einer klaren Hackordnung gelebt: von den Gewächshausgärtnern „mit den weißen Handschuhen“ bis zu jenen, die im Freiland für das Grobe zuständig waren. Die Tatsache, dass er mit acht Geschwistern aufgewachsen ist, habe ihm geholfen, den Interessenausgleich zu suchen, glaubt Jenny. Er, der als Kind schmächtig gewesen sei, habe früh gelernt, Allianzen zu schmieden.

          Diese Fähigkeit hat ihm bei seinem Lieblingsprojekt, dem Blüten- und Schmetterlingshaus, das Maria-Sibylla-Merian-Haus heißen soll, geholfen. Zu dem acht Millionen Euro teuren Projekt steuert die von Jenny gegründete Stiftung Palmengarten und Botanischer Garten 2,5 Millionen Euro bei. Ginge es nach ihm, flögen in dem derzeit im Bau befindlichen Glashaus vom Winter 2019/20 an nicht nur handtellergroße Schmetterlinge als besondere Attraktion herum, sondern den Besuchern würde auch klar, wie sehr Tiere und Pflanzen in der Natur von einander abhängig seien. Morgen wird der Direktor offiziell verabschiedet. Im Palmengarten, natürlich.

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