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Palais Papius in Wetzlar : Einblick in die Wohnkultur vergangener Tage

          3 Min.

          Das Palais Papius beherbergt einen Schatz. Und so hatte die monatelange Sanierung des repräsentativen Baus aus dem 18. Jahrhundert in der Wetzlarer Altstadt nicht nur mit der maroden Bausubstanz zu tun. Denn das Palais ist auch die Heimat einer außergewöhnlichen Ausstellung, die es neu aufzubauen und attraktiver zu zeigen galt. Es handelt sich um die Sammlung von Lemmers-Danforth, einen Fundus historischer Möbel, der zu den bedeutendsten und umfangreichsten seiner Art nicht nur in Deutschland zählt.

          Wolfram Ahlers
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Aus rund 450 Exponaten besteht die Sammlung, und das Palais Papius, wo Irmgard von Lemmers-Danforth bis zu ihrem Tod 1984 lebte, ist durch sie zu einem Museum für europäische Wohnkultur geworden. Nach dem Ende der Sanierung machten sich Mitarbeiter der städtischen Museen daran, die Ausstellung wieder aufzubauen. Nach rund vier Monaten sind diese Arbeiten jetzt beendet.

          Ehrgeiz und Enthusiasmus

          Diese in Umfang und Vielfalt wohl einzigartige private Kollektion ist dem Ehrgeiz und Enthusiasmus zu verdanken, mit dem sich die Kinderärztin Irmgard von Lemmers-Danforth ihrem Hobby widmete. „Die Sammlung war neben dem Beruf ihr Leben“, berichtet Anja Eichler, Leiterin der städtischen Museen, aus Gesprächen mit Freunden und Verwandten der Sammlerin, Diese sprachen davon, dass Lemmers-Danforth geradezu eine „Obsession“ entwickelt habe, um den Fundus zu erweitern. Ohnehin war sie eine bemerkenswerte Persönlichkeit. 1892 in Norddeutschland als Tochter eines könglich-preußischen Oberbaurats geboten, studierte sie als eine der ersten Frauen Medizin und war nach der Approbation an verschiedenen Kliniken tätig, bevor sie Ende der zwanziger Jahre wegen der Nähe zum Elternhaus in Wetzlar eine Praxis als Kinderärztin eröffnete.

          Wegen ihrer familiären Herkunft entwickelte Lemmers-Danforth ein Faible für gehobene Wohnungseinrichtung; sie erwarb schon damals erste historische Möbel aus Nachlässen von Adelshäusern. Besonders angetan hatten es ihr Möbel aus Renaissance und Barock, Epochen in denen die Wohnkultur aufblühte. Schließlich entwickelte sie den Plan, eine Sammlung aufzubauen, die einen Eindruck von der Kunst des Möbelschreinerns vom 16. bis 18. Jahrhundert vermittelt. Bei der Beschaffung der Stücke orientierte sie sich an wissenschaftlichen Kriterien großer Museen. Lemmers-Danforth trug Arbeiten aus Frankreich, Flandern, Italien, Köln und Augsburg zusammen. Außerdem konnte sie in ihre Sammlung Exponate aller Möbeltypen eingliedern, Truhen und Schränke, Sekretäre und Kabinettstische.

          Korrespondenz mit Auktionshäusern

          Seit den fünfziger Jahren eignete sich Lemmers-Danforth über Kontakte zu kunsthistorischen Instituten und Bibliotheken Expertenwissen an, ständig korrespondierte sie mit Auktionshäusern und Nachlassverwaltern. Ihr ganzes Vermögen steckte sie in den Erwerb der Möbelstücke, und so wuchs die Sammlung rasch. Obwohl bald schon ihr Haus und die Praxisräume der Präsentation der Möbel dienten, waren die Kapazitäten Ende der sechziger Jahre erschöpft. Weil ihr Platz fehlte, plante sie sogar den Verkauf einiger Möbel.

          Das brachte die Stadtväter auf den Plan, die offenbar um den Wert dieser Privatsammlung wussten. Sie unterbreiteten Lemmers-Danforth das Angebot, sich im Palais Papius mit ihren Möbeln einzurichten, wo die Exponate besonders gut zur Geltung kommen. Die Sammlerin brauchte keine Miete zu zahlen, für dieses Entgegenkommen vermachte sie der Stadt ihre Sammlung. Bis zu ihrem Tode widmete sich von Lemmers-Danforth der Pflege ihrer Sammlung und führte Besucher durch die Ausstellung.

          Als die Sanierung des Palais immer dringender wurde, ergab sich mit der Entscheidung, das Gebäude aufwendig zu sanieren, eine gute Gelegenheit, die Sammlung besser zur Geltung kommen zu lassen. Weil während der Sanierungsarbeiten immer wieder neue Schäden an dem Bau zum Vorschein kamen, dauerten die Arbeiten länger als geplant. Es stellte sich heraus, dass die gesamte Statik gefährdet war. Also galt es, das Sanierungskonzept zu überarbeiten und die Kalkulation nach oben zu korrigieren. Mehr als sechseinhalb Millionen Euro musste die Stadt am Ende in das Palais Papius investieren.

          Didaktisch schlüssig

          Bei der Renovierung nach alten Vorlagen wurde die ursprüngliche Raumaufteilung wiederhergestellt. Die Deckenstuckarbeiten wurden herausgeputzt, Wände erhielten neue, dezente Anstriche. Auch eine neue Beleuchtungsanlage ließ die Stadt installieren. Damit kommen die Exponate nun besser zur Geltung. Um Ansprüchen an ein modernes Museum gerecht zu werden, entstand ein neues Entree mit behindertengerechtem Zugang, Aufzug und Sanitäranlagen. Weil zu geringe oder zu hohe Luftfeuchtigkeit vielen der hölzernen Kunstwerke zugesetzt hatte, sind die Ausstellungsräume nun mit Klimaanlage ausgestattet.

          Am Konzept hat die Museumsleitung beim Wiederaufbau nicht gerüttelt. Unter didaktischen Gesichtspunkten sei die Ausstellung schlüssig, sagt Museumsleiterin Eichler. Vor allem aber hatte Lemmers-Danforth testamentarisch verfügt, dass der Aufbau beibehalten werden müsse. Gegliedert nach Epochen, Regionen, Typen von Mobiliar und anhand von Formgebung lädt die Ausstellung in 19 Räumen zu einem Rundgang ein.

          Zu den herausragenden Exemplaren zählt ein mit Intarsien aus Elfenbein und Perlmutt verzierter Spieltisch einer Mätresse des französischen Königs Heinrich II., der um 1550 gefertigt wurde. Unter einer Vielzahl von Truhen sticht das Exemplar aus einem flämischen Gutshaus des 17. Jahrhunderts hervor. Ältestes Exponat ist ein Schreibschrank aus Italien, der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts für eine Adelsfamilie gefertigt wurde. Tafelsilber aus verschiedenen Epochen und Ländern, Kerzenleuchter, Vasen, Tischschmuck aus Edelmetallen und eine Kollektion alter Schreibtischuhren vervollständigen die Ausstellung. Diese Kleinode werden jetzt in eigens dafür angeschafften Vitrinen gezeigt. Museumschefin Eichler sagt: „Damit gewinnt die Ausstellung noch.“

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