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Im Gespräch: Maud Zitelmann : „Wir dürfen nicht glauben, dass Eltern tun, was sie versprechen“

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Wachsam: Maud Zitelamnn warnt Erzieher und Sozialarbeiter vor Naivität im Umgang mit Eltern. Ihnen müssen die Helfer „eigentlich alles zutrauen“. Bild: Finger, Stefan

Um Kinder vor Gewalt zu schützen, seien mehr Personal, bessere Ausbildung und spezialisierte Beratungsstellen nötig, meint die Pädagogik-Professorin Maud Zitelmann. Aber auch jeder Einzelne könne etwas tun.

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          Wieso braucht es Vereine wie den Frankfurter Kinderschutzbund?

          Weil Menschen, die sich Sorgen um Kinder machen, spezialisierte Anlaufstellen brauchen jenseits des Jugendamts. Der Schritt zum Amt ist ein großer, und es braucht Angebote, die helfen, sich zu sortieren, bevor man entscheidet, ob man überhaupt etwas meldet, was das Kindeswohl betrifft.

          Wieso haben Menschen Angst vor dem Jugendamt?

          Die Sorge ist oft - und oft unberechtigt -, dass das Kind sofort aus der Familie genommen wird. Der Staat hat diese Macht, und das löst Angst aus. Nicht zu überschauen, was man lostritt, hält Menschen von einer Meldung ab. Da kann es helfen, erst einmal zu besprechen, was man wahrgenommen hat und wie es in dieser Situation weitergehen kann. Gerade wenn es - wie bei sexuellem Missbrauch in der Familie - nötig ist, sich auch ohne das Wissen der Eltern um eine Einordnung der Hinweise zu bemühen. Beratung kann auch helfen, mit der Sorge vor einer falschen Beschuldigung umzugehen oder mit der Angst, in der Familie oder Nachbarschaft als Denunziant dazustehen.

          Aber man petzt doch auch, wenn man zum Kinderschutzbund geht und sagt: „Ich glaube, bei meinen Nachbarn läuft etwas schief.“

          Mein Begriff wäre sowieso nicht „petzen“. Es ist ein sehr ernstes Thema, wenn man glaubt, Kinder werden misshandelt oder missbraucht. Ein Gang zum Kinderschutzbund ist aber ein anderer als zum Jugendamt oder zur Polizei. Der übrigens auch angebracht sein kann. Was nicht passieren darf, ist, dass jemand etwas meldet und danach nichts passiert. Ich erwarte von den Beratungsstellen, dass sie handeln, notfalls auch gegen das Interesse derer, die sich bei ihnen melden, aber im Interesse der Kinder.

          Gab es Zeiten, in denen Beratungsstellen nicht immer etwas unternommen haben?

          Manche Stellen hatten schon immer das Selbstverständnis, das Jugendamt einzubeziehen, wenn das Kind anders nicht zu schützen war. Der Deutsche Kinderschutzbund hatte bundesweit lange Zeit aber die Prämisse strikter Vertraulichkeit. Blieb diese Beratung ohne Erfolg, zahlte das betroffene Kind den Preis. Die Aufarbeitung entsprechender Fälle steht aus. Auch in Frankfurt gab es Befürworter dieser Position, ebenso gegenläufige Strömungen. Inzwischen aber scheint die Linie geklärt zu sein: Kann die Gefahr für das Kind nur mit Hilfe staatlicher Stellen eingeschätzt oder sein Schutz nur durch eine Meldung an das Jugendamt erreicht werden, muss die Beratungsstelle diesen Schritt nun tun.

          Wieso hat sich das geändert?

          Es herrscht nun mehr Gewahrsein für das Erleben und die Situation misshandelter Kinder. Vorher dominierten elternorientierte Ansätze in der gesamten Kinder- und Jugendhilfe. Man hoffte auf den Leidensdruck der misshandelnden Eltern.

          Inwiefern?

          Wenn man ihnen nur Vertraulichkeit zusicherte, würden sie sich schon melden, so hoffte man. Aber die Selbstmelder-Quoten sind erstaunlich gering, zwischen fünf und zehn Prozent etwa, im Bereich der schweren Kindeswohlgefährdung. Der Rest sind Meldungen der Polizei, Kindergärten, Schulen, des sozialen Umfelds. Den Leidensdruck haben nicht die Eltern, sondern die misshandelten Kinder. Das Konzept, die Familien so lange wie irgend möglich zusammen zu lassen, ging oft zu Lasten der Kinder.

          Aber die Familien sind doch der beste Ort für Kinder, oder nicht?

          Mit Blick auf die in ihren Familien misshandelten und vernachlässigten Kinder ist das ein fataler Irrglaube. Für Kinder, die mit Eltern leben müssen, die psychisch schwer krank, alkohol- oder heroinabhängig, sadistisch misshandelnd oder pädosexuell sind, kann die Familie der gefährlichste und allerschlechteste Ort auf der Welt sein. Ihnen wünsche ich früh genug eine gute Pflegefamilie als Ersatz, in der sie bleiben und Wurzeln schlagen dürfen.

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