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Tiere als Pädagogen : Pfötchen geben im Klassenzimmer

  • -Aktualisiert am

Braver Hund: Der Vierbeiner Lotta ist ein Muster an Folgsamkeit. Ihre Besitzerin und andere Studenten haben an der Grundschule Launsbach den „Tag des Tieres“ gestaltet. Bild: Maximilian von Lachner

Wie man Tiere in der Pädagogik einsetzt, bringt die Uni Gießen Studenten und Berufstätigen bei. An einer Grundschule wenden sie ihr Wissen an - und lernen, auf Warnzeichen zu achten.

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          Erst beim dritten „Peng“ liegt Lotta auf der Seite. Was nicht daran liegt, dass der junge Schütze schlecht gezielt hätte. Lotta, die Mischlingshündin, ist nur ein bisschen überfordert. So viele Leute stehen um sie herum und reden durcheinander - da hat sie vermutlich den Buben nicht bemerkt, der den ausgestreckten Zeigefinger wie eine Pistole auf sie richtet und „Peng“ ruft. „Lotta muss das Kind sehen, das ihr ein Zeichen gibt“, erklärt ihre Besitzerin Isabell Henkel. Wenn der Augenkontakt funktioniert, ist die Hündin sehr gehorsam: Bei „Peng“ legt sie sich hin, zwei abgespreizte Finger („bitte, bitte“) sind für sie das Zeichen, sich auf die Hinterbeine zu stellen, und beim „Wo ist es?“-Spiel erschnüffelt sie, welche der hingehaltenen Fäuste das Leckerli verbirgt.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Natürlich sollen die Jungen und Mädchen der Grundschule Launsbach an diesen Dressurnummern ihren Spaß haben. Das Ganze hat aber auch einen pädagogischen Mehrwert - für die Schüler und für die Studenten der Uni Gießen, die zum „Tag des Tieres“ in den Nachbarort gekommen sind. Die Erst- bis Viertklässler lernen am lebenden Objekt, wie man mit Hunden umgeht, wo bei einem Pony das Herz schlägt und warum sich das Wandelnde Blatt, ein Insekt, so raffiniert tarnt.

          Juristische, psychologische und ethische Grundlagen

          Die Hochschüler wiederum haben sich die 16 Stationen ausgedacht, an denen die Kinder ihr Tier-Wissen vertiefen sollen, und sie leiten sie dort an. Die meisten Studenten sind angehende Lehrer, die ein Seminar zum Thema „Tiere in der Schule“ besuchen. Isabell Henkel, die später in Grundschulen unterrichten will, ist eine von ihnen. Acht Teilnehmer belegen den Weiterbildungskurs „Tiergestützte Dienstleistungen“, den die Liebig-Uni neu im Programm hat. Für beide Studentengruppen ist der Schulbesuch auch ein Leistungsnachweis: Für die Vorbereitung der Stationen und den Umgang mit den Kindern bekommen sie Noten.

          Mit solchen Veranstaltungen reagiert die Uni darauf, dass Tiere immer öfter für pädagogische oder therapeutische Zwecke eingesetzt werden: Hunde sollen in Schulen für eine bessere Lernatmosphäre sorgen; Pferde helfen emotional gestörten Kindern, sich zu öffnen; Katzen spenden vereinsamten alten Menschen Trost. Vielen Lehrern und Betreuern, die solche Angebote machten, fehle aber das Fachwissen, meint die Soziologin Katharina Ameli. In dem einjährigen Weiterbildungsstudium, das Ameli koordiniert, lernen die Teilnehmer den Umgang mit verschiedenen Tierarten und befassen sich mit veterinärmedizinischen, juristischen, psychologischen und ethischen Grundlagen.

          Abwechslung auch für das Pony wichtig

          Daniela Schwedes wusste schon viel über Tier und Mensch, bevor sie sich zu der Fortbildung anmeldete. Die 48 Jahre alte Krankenschwester betreibt mit ihrem Mann einen Pflegedienst. Sie hat sechs Pferde und gibt Reitstunden für psychosozial auffällige Kinder. An der Uni Gießen will Schwedes ihr Fachwissen vertiefen. Sie erhofft sich von dem Abschlusszertifikat, das sie dort erwirbt, aber auch einen wirtschaftlichen Nutzen: Der Qualifikationsnachweis, meint sie, könne ihr helfen, den Reitunterricht bei den Krankenkassen abzurechnen.

          Jetzt steht Schwedes auf dem Hof der Launsbacher Grundschule und schaut zu, wie die Kinder das Norwegerpony Viktor als Anatomiemodell nutzen. Auf die Flanken des Tieres, die eine Decke schützt, werden laminierte Bilder des Herzens und des Verdauungstrakts geheftet - möglichst dorthin, wo die Organe im Pferdekörper liegen. Später dürfen die Kinder mit einem Stethoskop Viktors Herzschlag abhören. Das Pony nimmt all das gelassen hin, schnaubt manchmal ein bisschen und knabbert an seinem Heuballen. Später allerdings bemerkt Schwedes, dass der Norweger unruhig wird: Sie weiß, dass es jetzt Zeit ist, ihn ein wenig herumzuführen, um ihm Bewegung zu verschaffen.

          Schüler fühlen sich als Experten

          Bei der Tierpädagogik kommt es darauf an, die Bedürfnisse der zweibeinigen und der vierbeinigen Beteiligten in Einklang zu bringen. Das Wohl der Tiere hat an diesem Morgen Anja Dulleck im Auge. „Grundsätzlich kann man auch eine Ratte so vorbereiten, dass es im Umgang mit Menschen keine Probleme gibt“, weiß die Veterinärmedizinerin von der Uni Gießen. Trotzdem sind Hunde und Pferde die bei weitem beliebtesten Therapie- und Unterrichtshelfer. Ein guter tierischer Mitarbeiter zeichnet sich vor allem durch ein sanftes Gemüt aus. „Kampfschmuser“, die jeden anspringen und ablecken, sind für solche Jobs ungeeignet, wie Dulleck sagt.

          Lotta beträgt sich am „Tag des Tieres“ vorbildlich - und das, obwohl sie ihr Hundeleben in Griechenland auf der Straße begonnen hat. In Deutschland wurde sie zur Besuchshündin ausgebildet, dank ihrer ruhigen Art eignet sie sich gut für Visiten in Schulen oder Heimen. Frauchen Isabell Henkel und ihre Kommilitonen achten allerdings darauf, dass der Trubel um Lotta nicht zu groß wird. Die Kinder werden gebeten, leise zu sein, wenn sie das Klassenzimmer betreten. Nur ein Mädchen hat Angst, andere Schüler dagegen fühlen sich als Experten, weil sie einen Hund zu Hause haben. „Da muss man aufpassen, dass sie nicht zu forsch rangehen“, sagt Henkel.

          Warnsignale erkennen

          Sie spielt mit den Jungen und Mädchen eine Art Memory: Auf der einen Sorte Karten sind die Handzeichen abgebildet, denen Lotta gehorcht, die anderen zeigen Fotos vom Verhalten des Hundes. Erst sollen die Kinder die Karten richtig zuordnen, dann dürfen sie die Befehle selbst ausprobieren. Derweil achtet Tierärztin Dulleck darauf, dass Lotta nicht überfordert wird. Um den Herzschlag der Hündin zu fühlen, legt sie ihr die Hand auf den Bauch. Henkel hat auch schon erste Anzeichen von Stress bemerkt: Lotta hechelt und legt die Ohren an. Dulleck kommt zu dem Urteil: „Sie ist platt.“

          Dass die Studenten später als Lehrer oder Therapeuten solche Warnsignale erkennen, ist ein wichtiges Lernziel. Dulleck und Henkel entscheiden: Nach dieser Kindergruppe hat Lotta Feierabend. Wahrscheinlich legt sie sich dann auch ohne „Peng“ gerne ein wenig hin.

          Der nächste Zertifikatskurs „Tiergestützte Dienstleistungen“ der Uni Gießen beginnt im Sommer. Weitere Informationen gibt es unter www.uni-giessen.de.

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