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Erzieher und ihre Perspektive : „Pädagogen können nicht ersetzt werden“

Saubere Sache: Erzieher tragen Verantwortung und verdienen mehr als manchmal behauptet (Symbolbild). Bild: Frank Röth

Um die Verzahnung von Theorie und Praxis geht es nicht nur bei der Job-Messe für angehende Pädagogen in der Goethe-Universität, sondern auch im Kita-Alltag. Der pädagogische Nachwuchs ist begehrt.

          Wer den Nachwuchs gewinnen will, muss etwas bieten. Und damit sind jetzt nicht die Luftballons, Schlüsselanhänger und der ganze andere Schnickschnack gemeint, ohne den kein Stand auf der Job-Messe auskommt, den der Fachbereich Erziehungswissenschaft und das Paritätische Bildungswerk Hessen gestern auf dem Westend-Campus der Goethe-Universität ausgerichtet haben. Die angehenden Pädagogen, die zwischen den Ständen schlendern, nehmen zwar den einen oder anderen Kugelschreiber mit, aber vor allem wollen sie wissen, welche Perspektiven ihnen die potentiellen Arbeitgeber zu bieten haben.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Violetta Zimmermann, Studentin der Erziehungswissenschaft im dritten Semester, weiß, dass sie auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist. Seit Jahren werden die Kita-Kapazitäten ausgebaut und im Rhein-Main-Gebiet kommen steigende Kinderzahlen hinzu. Dabei will die Fünfundzwanzigjährige gar nichts mehr mit kleinen Kindern machen. Sie hat vor dem Studium eine Erzieherausbildung absolviert und Erfahrung in einer Krippe gesammelt, verdient sich derzeit etwas in der Grundschulbetreuung hinzu, will nach dem Uni-Abschluss aber mit Jugendlichen arbeiten.

          Ein breiter Ausschnitt des Berufsfeldes

          Auf der Messe, die zum sechsten Mal stattfindet, dürfte sie fündig werden. Im Institutsgebäude der Psychologie, Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften sind viele große und kleine Träger der Kinderbetreuung, aber auch der Jugendhilfe, Beratung und Erwachsenenbildung vertreten. „Wir wollen unsere Studierenden in Kontakt mit der Praxis bringen“, sagt Birte Egloff, die als Geschäftsführerin im Dekanat der Erziehungswissenschaften mitverantwortlich für die Organisation der Messe ist. Viele wüssten gar nicht, wie vielfältig das Arbeitsfeld für Pädagogen sein könne.

          Ein breiter Ausschnitt des Berufsfeldes bietet sich am Stand des Frankfurter Hauses der Volksarbeit: Telefonseelsorge, Krisen- und Lebensberatung, Ehe- und Sexualberatung, Erziehungshilfe, Tagesgruppen und Kinderbetreuung. Als Ansprechpartnerin fungiert Barbara Jansohn. Sie ist Ausbildungskoordinatorin für die Kitas und hauptamtliche Mentorin für die Nachwuchskräfte – eine Stelle, die es nach ihren Worten bei kaum einem anderen Träger gibt. Dass die Position im Haus der Volksarbeit eingerichtet wurde, hat mit dem Bundesprogramm „Lernort Praxis“ zu tun, in dem es darum ging, mit Mentoren „mehr Fachlichkeit in die Praxis zu bringen“, wie Jansohn sagt. Zwar werden Praktikanten und Auszubildenden überall erfahrene Kollegen als „Anleiter“ zur Seite gestellt, doch sind diese meist stark ins Alltagsgeschäft eingebunden und auch nicht immer auf dem neuesten Stand der Fachwissenschaft.

          „Wir bringen Theorie in die Praxis und Praxis in die Theorie“

          Als das Bundesprogramm 2016 endete, führte das Haus der Volksarbeit die Stelle fort und übernahm die Finanzierung selbst. Jansohn steht in ständigem Austausch mit Nachwuchskräften in den Einrichtungen, beobachtet sie im Arbeitsalltag, gibt ihnen Rückmeldungen und unterstützt sie in Projekten, die sie zum Beispiel für den Abschluss der Erzieherausbildung brauchen. Dafür seien nicht nur die jungen Kollegen dankbar, auch das ganze Team sehe darin eine Bereicherung und Entlastung. „Wir bringen Theorie in die Praxis und Praxis in die Theorie.“

          Im Bemühen um Nachwuchskräfte sind solche Angebote womöglich wichtiger als ein paar Euro mehr oder weniger auf dem Gehaltszettel. Ohnehin zahlen die allermeisten Träger Tariflohn. Der sei gar nicht so schlecht, wie oft behauptet, sagt Justa Pizzaro von „2 son Más“. Der Verein betreibt in Frankfurt zwei deutsch-spanische Kitas mit rund 120 Kindern. Wer als Fachkraft seine erste Stelle antrete, der bekomme in Frankfurt immerhin etwa 3000 Euro brutto, sagt Pizzaro. Dass manche Erzieher den Beruf wechselten, liege nicht an der Bezahlung, sondern daran, dass die Arbeit mit Kindern sehr anspruchsvoll sei und viel Energie erfordere.

          Nach dem Studium mehr als 3200 Euro brutto im Monat

          Kerstin Angele vom Bistum Limburg, das in und um Frankfurt rund 80 Kitas betreibt, hat an ihrem Stand eine laminierte Tabelle mit den Vergütungen für pädagogische Fachkräfte parat. Wer als Student in einer Einrichtung des Bistums jobbe, sei sozialversichert, bekomme Zusatzleistungen wie Weihnachtsgeld und einen Stundenlohn von 12,34 Euro netto. Wer nach dem Studium in einer Bistums-Kita bleibe, beginne direkt in der Tarifstufe 3 und verdiene mehr als 3200 Euro brutto im Monat.

          Bei Studentin Violetta Zimmermann ist in dieser Hinsicht nicht viel Überzeugungsarbeit nötig. Ihre finanziellen Aussichten beurteilt sie als gut – und wenn sie einmal mehr verdienen wolle, könne sie eine Leitungsposition übernehmen oder sich selbständig machen. Dass die Nachfrage auf dem Stellenmarkt einmal zurückgehen könnte, befürchtet sie nicht. Während andere Berufe durch Digitalisierung und Automatisierung bedroht seien, müsse sie sich keine Sorgen machen. „Pädagogen können nicht ersetzt werden.“ Dass einmal ein Roboter ihre Arbeit erledigen könnte, glaubt sie nicht. „Dafür sind wir Menschen doch zu sehr soziale Wesen.“

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