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Pablo Held Jazz-Trio : Für Hirn, Herz und Bauch

  • -Aktualisiert am

Spannendes, spontanes und emotionales Musizieren: Das Pablo Held Trio Bild: © Jürgen Bindrim

Um keinen lähmenden Ritualen ausgesetzt zu sein, tritt das Pablo Held Trio seit einiger Zeit ohne Setliste auf. Daraus entsteht kluger Jazz, den die Musiker bei „Jazz im Mozartsaal“ in der Frankfurter Alten Oper spielen.

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          Einen fundamentalen Glaubenssatz des Jazz hat der Bebop-Guru Charlie Parker formuliert: Es gehe nicht darum, Musik zu spielen, vielmehr Musik zu machen. Den Unterschied haben nicht alle Jazzmusiker begriffen. Manche reihen ungerührt die immergleichen Phrasen aneinander, halten sich an der Bluestonleiter fest wie Ertrinkende an einem Rettungsring und spielen, was Generationen von Musikern lange schon gespielt haben, statt etwas zu machen, was so noch nie erklungen ist, noch niemandem einfiel und ohnehin nur jenen einfällt, die auf ihre Individualität vertrauen. Miles Davis pflegte deshalb seinen Musikern ein heilsames Paradox mit auf den Weg zu geben: Spielt nicht, was ihr könnt, spielt, was ihr nicht könnt.

          Dem Trio des Pianisten Pablo Held, das der Bassist Robert Landfermann und der Schlagzeuger Jonas Burgwinkel seit vielen Jahren komplettieren, müssen die Worte von Charlie Parker und Miles Davis ganz laut in den Ohren geklungen haben. Vermutlich sind die drei klugen Jazzmusiker aber auch von selbst daraufgekommen, dass Routine der Tod jeglicher Kreativität ist und man etwas tun müsse, um lähmende Rituale zu vermeiden. So gibt es seit einiger Zeit schon keine Setliste bei ihren Konzerten, keine vorherigen Vereinbarungen über die jeweiligen Stücke, überhaupt kein festes Programm.

          Dekonstruktion, Assoziation und Zitation

          Wenn sie auf die Bühne kommen, wissen sie selbst noch nicht, womit sie beginnen und enden werden und ob bei der Wahl ihrer Kompositionen, die sie adhoc aufgreifen, ein Stück ganz, in Teilen oder in winzigen angedeuteten Klangpartikeln übernommen wird, ob es dekonstruiert, assoziativ angespielt, zitiert oder möglicherweise kontrapunktisch mit Teilen anderer Werke verbunden wird.

          Wer so spielt, muss seine Antennen beständig ausgefahren lassen, muss erahnen, was den Mitmusikern gerade durch die Hirnwindungen oder den Bauch rauscht, um musikalisch angemessen reagieren zu können. Hilfreich ist natürlich, das Repertoire und seine musikalischen Möglichkeiten stets parat zu haben und Hirn und Bauch der Kollegen zu kennen. Wenn dann noch die Kenntnis der Herzen von Kollegen hinzukommt, dürfte einem spannenden, spontanen und emotional ansprechenden Musizieren nichts im Wege stehen.

          So war es jetzt auch ein Hörabenteuer für das Publikum im Mozartsaal der Alten Oper, mitzuverfolgen, wie sich in einem gut siebzigminütigen Kontinuum eine Klangplastik formte, die keine Risse und keine Bruchstellen aufwies, auch wenn es wohl ein in Klangfarben changierendes Puzzle aus zahlreichen kompositorischen Einzelteilen gewesen ist. Pablo Held intonierte einen einzigen Ton, aus dem vermutlich nicht einmal Robert Landfermann bei seinem darauf Bezug nehmenden Streicherton wusste, woher er genommen wurde, was er auslösen oder in was er sich einfügen würde. Ganz allmählich aber gewannen die Töne Struktur, formte sich aus isolierten Klängen ein tonales Konzept, wohlklingend, aber nicht eindimensional auf spezifisch jazzmäßige Phrasen reduziert.

          Pablo Held ist so wenig auf die Rhythmik des Jazz festgelegt wie seine beiden Mitspieler, kann von einem impressionistischen Präludieren unversehens in einen pulsierenden Swing oder in eine karge Musique pauvre à la Erik Satie übergehen. Wenn er seine raumgreifenden Akkordsequenzen intoniert, unterstützt von den kraftvollen Impulsen des Bassisten Robert Landfermann und dem dynamischen Drive von Jonas Burgwinkel am Schlagzeug, wird Dave Brubeck als Ahnherr spürbar, der dennoch mit seiner eckigen Staccato-Technik weit genug von den oft ineinanderfließenden Akkordklangfarben Pablo Helds entfernt ist, um keinen Verdacht von Stilkopie aufkommen zu lassen. So muss es sein: Klänge selber machen und nicht nachspielen. Das Pablo Held Trio sollte man auf dem Radar behalten. Da ist noch einiges zu erwarten.

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