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Outlets in der Stadtmitte : Die Rettung für verwaiste Innenstädte?

  • -Aktualisiert am

Das Vorbild: Bad Münstereifel, Heimat des Schlagerbarden Heino und Standort von Europas einzigem City Outlet Bild: dpa

Bisher entstanden Fabrikverkaufszentren auf ein paar Hektar im Nirgendwo, doch nun erobern sich auch die Städte. Oberursel und Usingen prüfen schon, ob sie sich als Outlet-Standort eignen.

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          Mal sehen, ob sie auch in Usingen Todesanzeigen drucken werden. Ob sich eine Bürgerinitiative formieren wird. Ob sie vor Gericht ziehen werden. Überraschen würde all das nicht wirklich. Denn der Bau eines Fabrikverkaufszentrums war bisher noch fast immer mit dem Widerstand der Anwohner und der umliegenden Einzelhändler verbunden. Selbst dann, wenn das Outlet Center fernab der Innenstadt entstand und nicht mitten im Ort.

          Doch genau das hat man in Usingen vor. Entschieden ist es zwar noch nicht, doch glaubt man Ralf Müller, dem Vorsitzenden des Gewerbevereins, dann ist das City Outlet einiges mehr als nur die nächste verzweifelte Idee, die Usinger Innenstadt irgendwie aus dem Wachkoma zu erwecken. Der Bürgermeister stehe hinter dem Projekt, sagt Müller. Auch die meisten Bewohner unterstützten es. Und Todesanzeigen sind in Usingen ebenfalls noch nicht gesichtet worden. Sie wurden in anderen Städten, die ein Outlet planten, gern von den ansässigen Einzelhändlern plakatiert, die sich vor der Konkurrenz durch ein Fabrikverkaufszentrum fürchteten: „In tiefer Trauer um unsere Betriebe und Arbeitsplätze“.

          Der Wandel von Bad Münstereifel

          Mitten in einem historischen Städtchen mit gerade einmal 13.000 Einwohnern einen Fabrikverkauf eröffnen zu wollen, das klingt erst einmal nach einer absurden Idee. Outlet Center entstanden bisher an vielbefahrenen Autobahnen und ICE-Trassen, auf ein paar Hektar Gewerbefläche, dort, wo die Grundstücke günstig sind, die Städter mit ihren Geldbeuteln aber noch bequem hinkommen, so wie in das kürzlich eröffnete Zentrum in Montabaur.

          Usingen hat ein anderes Vorbild. Ralf Müller war zuletzt öfter in Bad Münstereifel. Bis vor einigen Jahren gab es in dem Ort in der Eifel nicht viel, außer Heino, und das ist jetzt auch nicht so viel. 40 Prozent Leerstand in der mittelalterlichen Innenstadt. Kaum ein gutes Bekleidungsgeschäft. Stattdessen Friseure und Ein-Euro-Läden. Eine Kleinstadt in Deutschland wie viele. Heute reisen Bürgermeister aus ganz Europa an, um zu sehen, ob sie aus ihrer Heimatstadt das nächste Bad Münstereifel machen können.

          Aus Fachwerkhäusern wurden Brandstores

          Dort eröffnete vor einem Jahr das erste City Outlet Europas. 40 Markenhersteller bieten seither in den kleinen Geschäften Hemden, Blusen, Schuhe und Schmuck an: „Immer 30 bis 70 Prozent günstiger“, verspricht der Betreiber. Ausgestorben ist Bad Münstereifel nun nicht mehr: Tag für Tag strömen Tausende in den Ort, auf der Suche nach Schnäppchen.

          Doch es freut nicht alle, dass aus den Fachwerkhäusern Brandstores geworden sind. Vor allem am Wochenende sei das Gedränge groß und der Stau am Ortseingang lang, berichten Bewohner. Nur: Was soll eine Stadt machen? Entweder wird sie zum Einkaufsparadies, oder der Ortskern besteht bald nur noch aus Nagelstudios. Alles dazwischen ist schwierig. Denn attraktive Marken von Armani bis Levi’s kommen nur in einen Ort, wenn sie mit genügend Kunden rechnen können. Und die wiederum kommen nur, wenn ihnen Auswahl geboten wird. Lediglich fünf oder zehn Markenhersteller und damit auch eine erträglichere Menge an Schnäppchenjägern anzulocken ist da fast unmöglich.

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