https://www.faz.net/-gzg-941n7

Otto Bartning : Reformer der Reformation

  • -Aktualisiert am

Greift die architektonischen Prinzipien der Sternkirche auf: Otto Bartnings Essener Auferstehungskirche aus dem Jahr 1930. Bild: Bartning-Archiv der TU Darmstadt

Otto Bartning steht oft im Schatten von Architektur-Pionieren wie Gropius. Vor allem seine expressionistischen Kirchen rückt nun die Mathildenhöhe in den Fokus.

          Eine Kirche wie ein Fertighaus: Aus vorproduzierten Metallträgern so einfach auf- wie bei Bedarf auch wieder abzubauen und flexibel nutzbar. Seine himmelhohe „Stahlkirche“ präsentierte Otto Bartning 1928 in Köln im weltlicher kaum denkbaren Kontext der internationalen Presse-Ausstellung Pressa. Das Halbrund auf der einen und die zwei stumpfen Türme auf der anderen Seite des parabelförmigen Grundrisses muten an wie eine Apsis respektive das Westwerk einer mittelalterlichen Basilika. Gern wäre der 1883 geborene Architekt mit diesem Entwurf in Serie gegangen. Für seine Idee fand er allerdings keine Partner. Selbst der Kölner Prototyp interessierte niemanden. Bartning verschenkte ihn schließlich nach Essen, wo er nach einem Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg aber abgetragen wurde.

          Dass die Entwürfe des damaligen Leiters der Staatlichen Bauhochschule in Weimar dennoch die protestantische Architektur reformierten, hat die Geschichte ihm nicht gedankt: Im kollektiven Gedächtnis ist er nicht so fest verankert wie Walter Gropius, Mies van der Rohe und andere Pioniere des „Neuen Bauens“. Dies führt Sandra Wagner-Conzelmann unter anderem darauf zurück, dass er weniger auf das Spektakel abzielte, sondern auch bei profanen Projekten wie Siedlungen, Krankenhäusern, Villen oder etwa einem Musikerheim vor allem das Wohl der Nutzer und Bauherren im Sinn hatte. Die von ihr kuratierte Ausstellung „Otto Bartning. Architekt einer sozialen Moderne“ auf der Darmstädter Mathildenhöhe will ihn deshalb aus dem Schatten seiner prominenteren Zeitgenossen herausholen.

          Ungewöhnlicher Beitrag zum Reformationsjahr

          Für diesen ungewöhnlichen Beitrag zum Reformationsjahr kooperiert das Museum Künstlerkolonie mit der Städtischen Galerie in Bartnings Geburtsstadt Karlsruhe sowie der Akademie der Künste in Berlin, wo er einst studierte. Die dritte Station führt die Schau jetzt an einen authentischen Ort: Von 1951 bis zu seinem Tod 1959 lebte und wirkte der Baumeister im heutigen Ausstellungsraum. Außerdem beherbergt die Technische Universität Darmstadt das von Werner Durth geleitete Nachlassarchiv: Fotos, Briefe, und andere Dokumente zeugen davon, dass Bartning seinen Beruf mit geradezu missionarischem Eifer betrieb. So veröffentlichte er ein Grundlagenwerk zum Kirchenbau, hielt in seiner phasenweise öffentlich genutzten Bibliothek Seminare ab und war mindestens Vizepräsident sämtlicher maßgeblicher Institutionen vom Deutschen Werkbund bis zum Bund Deutscher Architekten.

          Im Wortsinne plastische Gestalt nimmt in der Ausstellung der Kirchenbaumeister an, dessen wegweisende Ideen am Beispiel von fünf Modellen greifbar werden. So wollte Bartning die Reformation schon 1922 mit einer expressionistischen Interpretation gotischer Architektur reformieren: Für seine Sternkirche sah er einen Zentralbau in Form einer gigantischen, in sechs splitterförmige Segmente gegliederten Kuppel vor, die getragen wird von einem Wald aus schlanken, geradezu stäbchenhaften Säulen. Filigran muten auch Spitzbögen, Rippengewölbe und Maßwerk an. Geistiges und architektonisches Zentrum befinden sich am selben Ort: Direkt unter dem Scheitelpunkt der Kuppel stehen Altar und Kanzel und sind umgeben von kreisförmigen Bankreihen.

          Teil des denkmalgeschützten Architektur-Ensembles

          Damit erhält nicht zuletzt die Luthersche Idee, dass das Wort größere Bedeutung hat als das Bild, neue Bedeutung: Die Gemeinde wird Teil des Geschehens. Zwar wurde die Sternkirche nie realisiert, ihre architektonischen Prinzipien leben aber in der 1929/30 realisierten Auferstehungskirche in Essen fort.

          Etwas zu kurz kommt Bartnings nicht ganz eindeutige Haltung während des Nationalsozialismus. Einerseits lehnte er die Ideologie ab und war auch nie Parteimitglied. Obwohl er hätte auswandern können, blieb er jedoch im Land und baute weiter – unter anderem im Auftrag eines Bischofs, von dem bekannt war, dass er die Ideen der Machthaber teilte. Gleichwohl gerät die Ausstellung von Architektur in Darmstadt anschaulicher, als dies sonst oft der Fall ist. Dafür sorgt auch das Modell eines von Karl Hartung gestalteten Brunnens.

          1958 sprudelte das Original des von einem Relief aus organischen Formen überzogenen Runds in einem „Quellenraum“, mit dem sich Bartning an dem von Egon Eiermann, Sep Ruf und Walter Rossow konzipierten deutschen Pavillon der Expo in Brüssel beteiligte. Heute gehört es zum denkmalgeschützten Architektur-Ensemble auf der Mathildenhöhe. Weil der Brunnen derzeit saniert wird, erweist sich die Wiederentdeckung des Modells als umso glücklichere Fügung.

          Weitere Themen

          Orient und Okzident

          Goethe-Ausstellung : Orient und Okzident

          Vor 200 Jahren erschien Goethes Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“. Aus diesem Anlass zeigt das Frankfurter Goethe-Haus eine Ausstellung zur Entstehungsgeschichte dieses interkulturellen Werks.

          Topmeldungen

          Jeder hat sein Kreuz zu tragen: Matteo Salvini am Strand auf Sizilien.

          Italienische Regierung : Ohne den Segen des Papstes

          Italiens Innenminister Salvini gibt sich gerne als gläubiger Christ. Damit hat er den Zorn Franziskus’ auf sich gezogen – und am Ende auch den des scheidenden Ministerpräsidenten Conte.

          An Scholz’ Seite : Manchmal liegt das Glück ganz nah

          Das Rennen um den SPD-Vorsitz geht weiter: Wofür die Kandidatin an Scholz’ Seite steht – und wieso der erfolgsverwöhnte Niedersachse Stephan Weil plötzlich beschädigt ist.
          Der Charging Bull, eine Bronzestatue im Financial District in Manhattan, New York.

          Amerikas Wirtschaft : Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen?

          Amerikas Manager-Elite gibt sich neue Prinzipien: Sie will Aktionäre nicht mehr über alles andere stellen. Ihre eigene Vergütung dagegen ist bisher kein Thema.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.