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Ottmar Hermann : Der Woolworth-Retter

Erfahrener Insolvenzverwalter aus Frankfurt: Ottmar Hermann Bild: Verena Müller

Ottmar Hermann greift gern zu dem einen oder anderen Plätzchen - und Nervennahrung hat der auf Sanierungsfälle spezialisierte Frankfurter Anwalt in den vergangenen vier Wochen wahrlich gebraucht: Hermann musste als Insolvenzverwalter ...

          Ottmar Hermann greift gern zu dem einen oder anderen Plätzchen - und Nervennahrung hat der auf Sanierungsfälle spezialisierte Frankfurter Anwalt in den vergangenen vier Wochen wahrlich gebraucht: Hermann musste als Insolvenzverwalter von Woolworth den Übernahmepoker um die Frankfurter Billigkaufhaus-Kette ungewollt verlängern. Denn der New Yorker Finanzinvestor Cerberus lehnte als Woolworth-Hauptvermieter die ausgeguckten Interessenten kurz vor Toresschluss ab. Außerdem brachte er überraschend den Investor HH Holding ins Spiel. Der steht hinter den Tengelmann-Discountern Kik und Ledi, die das Land mit Geschäften überziehen. Da allerdings einer der abgelehnten Investoren nachlegte, ist Hermann nicht in eine Vogel-friss-oder-stirb-Situation geschlittert.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mit schwierigen Verhandlungen ist der Fachanwalt für Insolvenzrecht, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater dessen ungeachtet vertraut. Das Schwergewicht unter den Insolvenzverwaltern hat mit seiner Kanzlei einige tausend Fälle abgearbeitet, darunter auch spektakuläre Pleiten wie jene des Offenbacher Luxuskonzerns Egana-Goldpfeil oder des Bauriesen Philipp Holzmann. Dieser Frankfurter Konzern ging zwar schon 2002 in die Knie, gleichwohl beschäftigt sich Hermann weiter mit dem Fall.

          Waschechter Frankfurter aus Bayern

          Meist muss er ein Unternehmen „restrukturieren“, wie es im Fachjargon heißt. Dergleichen führt häufig zu niedrigeren Kosten zu Lasten der Firma und zu weniger Arbeitsplätzen. Wenn es notwendig ist, kann der allgemein als konsensorientiert und umgänglich geltende Hermann hart sein, wie es in seinem Umfeld heißt. Der Fall Woolworth indes ist aus seiner Sicht anders gelagert und „relativ einzigartig“. „Wir haben etwas ganz Neues geschaffen, das es zuvor gar nicht gab“, hebt er hervor. Gemeint ist das Konzept des „Familien-Discounters“, das er mit seiner Mannschaft nach einer Vorlage des ehemaligen Lidl- und Woolworth-Managers Stefan Rohrer erarbeitet und verwirklicht hat. Stellenabbau ist im Insolvenzverfahren weniger ein Thema gewesen. Die von Hermann gegründete Deutsche Woolworth hat zwar zuletzt nur halb so viele Mitarbeiter und Läden gezählt wie die alte DDW Woolworth Deutschland, die wenigsten Beschäftigten haben aber tatsächlich ihre Stelle eingebüßt. Viele Woolworth-Läden sind nämlich von anderen Unternehmen wie Schlecker und NKD übernommen worden, einschließlich des Personals.

          Derzeit ist Hermann, der sich trotz seines bayerischen Geburtsorts als waschechter Frankfurter fühlt, außer mit Woolworth auch mit dem insolventen Autozulieferer Karmann in den Schlagzeilen. Der im Vergleich zu anderen Insolvenzverwaltern recht öffentlichkeitsscheue Endfünfziger und seine gut 130 Mitarbeiter befassen sich auf Geheiß von Amtsgerichten jedoch auch mit deutlich kleineren Insolvenzen, die aber ebenfalls einen Haufen Gerichtstermine oder Gespräche mit Gläubigern, Arbeitnehmervertretern und Investoren nach sich ziehen - in Zeiten der Krise erlebt Hermanns Branche Hochkonjunktur. So dürfte sein Alltag kaum ruhiger werden, wenn er den Fall Woolworth zu seinen Akten gelegt haben wird.

          Deshalb bleibt dem Vater zweier Kinder im Teenager-Alter, der auch an seinem Geburtstag Termine wahrnimmt, nur wenig Zeit fürs Private. Fürs Golfen zum Beispiel, das er liebt. Auch Fernreisen muss er, der als Fremdsprache Englisch angibt, sich in Zeiten wie diesen verkneifen: Es könnte ja wieder ein Amtsgericht anrufen. So bleibt es bei Portugal oder Mallorca für einen Urlaub. Von dort aus ist Hermann schnell wieder in seiner Kanzlei an der Bleichstraße.

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