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Osterwanderung auf Goethes Spuren : Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein

Rechtzeitig zu Ostern wieder begehbar: Goetheturm im Frankfurter Stadtwald Bild: dpa

Vorsicht, Erstwanderer! Wer einmal damit anfängt, an Ostern auf Goethes Spuren durch Frankfurt zu streifen, wird leicht zum Wiederholungstäter.

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          Endlich ist die Runde wieder komplett. Vier Jahre lang hat doch einer der Höhepunkte des Osterspaziergangs gefehlt. Seit einer Woche darf der Goetheturm auf dem Sachsenhäuser Berg wieder erklommen werden. Angesichts der vielen hundert Meter nagelneuen Lattenzauns, der großen Sandsteinblöcke und neu umfriedeten Wege um den Waldspielplatz am Goetheturm herum könnte man glatt vergessen, erst einmal der echten Goetheruh einen Besuch abzustatten.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der von Hans Traxler entworfene Wegweiser, ein blaugrüner Goethe mit großem Hut, zeigt von Oberrad aus nach rechts. Ein paar Stufen hoch, auf dem Plateau, liegt, als sei sie seit der Antike dort vergessen, eine Sandsteinsäule, auf der man so malerisch ausruhen kann wie Goethe auf dem berühmten Tischbein-Bild. Die Hose aber hat hinterher einen grünen Schimmer: Seit die Goetheruh des Künstlers Ian Hamilton Finlay vor 14 Jahren installiert wurde, haben Moos und Algen die Säule in Besitz genommen. Tapfere Wandersleute wetzen das Grün wieder ein bisschen ab, wenn sie dort verschnaufen, wo es Goethe selbst getan haben soll, der als junger Mann den Spitznamen „Wanderer“ trug. Er hatte noch einen Ausblick, wo heute hohe Bäume wachsen. „Kehre dich um, von diesen Höhen/Nach der Stadt zurück zu sehen!“ Dafür muss man halt doch auf den Goetheturm klettern.

          Ostereierbunte Leibchen

          Frisch renoviert erinnert er an ein sehr langbeiniges Okapi: Braunbeige gestreift schimmert er durch die frühlingsgrünen Bäume, jeder neue Balken, jede neue Treppenstufe, die nun eingebaut wurde, ist an der hellen Farbe zu erkennen – die Hölzer, die zum Teil noch aus dem Baujahr 1931 stammen, sind tiefdunkel. Von Turm aus stimmt die Optik: „Aus dem hohlen finstern Tor/Dringt ein buntes Gewimmel hervor./Jeder sonnt sich heute so gern.“ Auch die in ostereierbunte Leibchen gehüllten Jogger, die unten im Stadtwald herumjagen – „hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“

          Auf Goethes Spuren durch die Stadt zu wandern ist eine feine Sache. Vor allem, wenn man es, wie viele Goethe- und Wanderfreunde, am Ostersonntag tut. Ein „Osterspaziergang“ wie im „Faust“ allerdings ist der Weg vom Goethehaus über die Alte Brücke, am Mainufer entlang bis zur Gerbermühle, dann über Oberrad in den Wald und über Sachsenhausen zurück zum Großen Hirschgraben beileibe nicht. Sondern, mit elf Kilometern, eine ausgewachsene Osterwanderung.

          Seit 2006 gibt es den „permanenten Goethe Wanderweg“ nach den Regeln des Internationalen Volkssportverbandes. Wer die Regeln einhalten will, bekommt eine Startkarte für das Volkssportabzeichen an der Kasse des Goethehauses ausgehändigt. Und muss, an der Gerbermühle, im Stadtwald und am Willemer-Häuschen, Kontrollpunkte passieren.

          Was Marianne einst entflammte

          Natürlich kann man die Strecke auch umgekehrt gehen. Oder einen Teil mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen. Was allerdings den Reiz mindert: Jene Aus- und Einblicke, die das Goethesche Frankfurt aus dem heutigen hervortreten lassen. Und die Veränderungen, die vor allem den Wiederholungstätern auffallen: Nicht nur der Goetheturm steht ganz anders da. Auf dem Weg zur Gerbermühle, in der Goethe 1815 seinen Geburtstag gefeiert hat, gleißt der dreiste Turm der neuen EZB vom anderen Mainufer schon fast fertig herüber. Die Osthafenbrücke hat es voriges Ostern noch nicht gegeben. Ganz zu schweigen davon, dass dieses Jahr nichts und niemand vom Eise befreit werden musste, weil der Winter schlichtweg ausgefallen ist. Und die riesigen Baustellen auf dem Sachsenhäuser Berg erinnern fast daran, wie das Willemer-Häuschen einst allein auf weiter Flur stand.

          Vor genau 200 Jahren hat dort eine Dichterliebe begonnen: Am 18. Oktober 1814 hat Goethe in dem kleinen Häuschen am Hühnerweg bei seinem Freund Johann Jacob Willemer und dessen Frau Marianne die Freudenfeuer zum Jahrestag der Völkerschlacht betrachtet. Entflammt hat sein Herz aber vor allem Marianne. Der Lorbeerkranz an der Wand des Häuschens mag trocken sein, die Gedichte des „West-östlichen Divan“, die er seiner „Suleika“ schrieb, bleiben frisch wie die Frühlingsluft zum Osterspaziergang.

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